Cord Aschenbrenner: Das evangelische Pfarrhaus

das evangelische pfarrhaus

Siedler, ISBN 978-3-8275-0013-7, Preis 24,99 Euro

Das evangelische Pfarrhaus ist seit Jahrhunderten ein besonderer Ort. Offenheit und Wertevermittlung insbesondere durch das Vorleben von geistlichen und auch kulturellen Inhalten zeichneten Pfarrhäuser aus.

Journalist Cord Aschenbrenner beschreibt zunächst, wie er das Pfarrhaus seines Großvaters erlebt hat und sofort werden in mir eigene Erinnerungen wach, wenn auch ohne Aschenbrenners Zigarrenduft. Aber all dies sind schöne Erinnerungen und auch das evangelische Pfarrhaus kann sich gegenwärtigen Wandlungen nicht entziehen.

Am Beispiel der Pfarrerdynastie Hoerschelmann beschreibt der Hamburger Autor dann ausführlich, wie das Pfarrhaus funktioniert hat, wie in ihm versucht wurde, die biblische Botschaft zu leben und vor allem weiterzugeben. Dass man dabei vor politischen Einflüssen nie sicher sein konnte, haben die aus Estland vertriebenen Hoerschelmanns zur Genüge erfahren.

„Das Evangelische Pfarrhaus“ war jedoch nicht nur Ort der Wertevermittlung und offenes Haus, es war zugleich eben auch ein Familienbetrieb. Gerade diese Seite beschreibt Cord Aschenbrenner sehr schön und hat in der Familie Hoerschelmann ein sehr geeignetes Paradebeispiel gefunden. Da war natürlich der „Herr Pastor“ an vorderster Front, da war aber auch die Pfarrfrau, ohne die beinah nichts ging. Sie stärkte ihrem Mann nicht nur in dessen Schatten stehend den Rücken, sondern wurde oftmals auch selbst im Gemeindeleben aktiv. Selbst die Kinder hatten im Pfarrhaus ihre Rolle. Das all dies nicht immer reibungslos lief, verheimlicht der Autor nicht.

Wenn der Verlag auch aufs Cover schreibt „Eine Familiengeschichte“, so ist es für mich als Leser doch sehr gewinnbringend, dass Aschenbrenner eben diesen familiären Rahmen hin und wieder verlässt und etwas allgemeiner über das Pfarrhaus schreibt. So weist er zum Beispiel darauf hin, dass Luther nicht der erste evangelische Pastor war und sein Pfarrhaus auch nur im Mythos als erstes evangelisches offenes Pfarrhaus bezeichnet werden kann. Er gesteht Luthers Pfarrhaus, welches ja unter dem strengen Regiment der Pfarrfrau geführt wurde, zu, „zweifellos in vielem beispielgebend“ gewesen zu sein, aber das erste Pfarrhaus war es nicht.

Cord Aschenbrenner porträtiert das evangelische Pfarrhaus am Beispiel der Hoerschelmanns, trennt fein säuberlich Mythos und Wirklichkeit und macht sehr deutlich, was uns heute verloren geht!

Cord Aschenbrenner hat Bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Cord Aschenbrenner, soeben wurde Ihr Buch „Das evangelische Pfarrhaus“ veröffentlicht. Es gab in den letzten Jahren eine ganze
Reihe ähnlicher, sogar gleichlautender Titel. Warum sollte nun jemand ausgerechnet Ihr Buch lesen?

Mein Buch ist natürlich das am besten Geschriebene… Im Ernst: Weil es gleichzeitig die Geschichte einer Familie ist, die seit Jahrhunderten in Pfarrhäusern bzw. in Pastoraten lebt, wie man in Norddeutschland sagt und auch unter Deutschbalten. Durch diese Geschichte einer Pastorenfamilie erst in Thüringen, dann in Estland, dann im nationalsozialistischen „Warthegau“ und schließlich in Norddeutschland lässt sich die Geschichte des evangelischen Pfarrhauses über neun Generationen verfolgen. Das ist natürlich Kirchen- und Kulturgeschichte, aber ebenso auch Teil der allgemeinen deutschen Geschichte. Und in diesem Fall auch die einer entlegenen und fast vergessenen historischen Region, des Baltikums, wo eine deutsche Oberschicht mit deutschen Pastoren unter der Herrschaft der Zaren lebte.

Sie beschreiben sehr schön, wie Sie das Pfarrhaus Ihres Großvaters erlebt haben. Was genau hat es Ihnen fürs Leben mitgegeben?

Toleranz gegenüber anderen, nicht nur ins Glaubensfragen. Zweitens, dass man sich selbst nicht zu wichtig nehmen sollte. Drittens, hoffentlich, einen Blick für die Mühseligen und Beladenen.

cord

Foto: Cord Aschenbrenner

Am Beispiel der Familie Hoerschelmann, zeigen Sie wie dort das Pfarrhaus über Generationen hinweg immer eine Konstante war, wenn auch
Orte und politische Umstände wechselten. Selbst kenne ich ebenfalls eine Reihe von Pastorenfamilien die über Generationen hinweg ihrer
Berufung gefolgt sind. Was vermuten Sie, warum wurden aus den Söhnen der Pastoren oftmals ebenfalls Pastoren?

Wenn der Vater ein glaubwürdiges Vorbild war und einem der Lebenszuschnitt im Pfarrhaus zusagte – warum nicht? Man wusste, worauf man sich einließ. Die Söhne heirateten auch oft Pastorentöchter, die ja aus ganz ähnlichen Verhältnissen kamen. Hinzu kam sicherlich oft auch ein zumindest so empfundener Druck, die Familientradition weiter zu tragen. Manchmal war der Druck auch ganz offen: „Mutter und ich sähen es gerne, wenn Du Theologie studiertest…“

Das offene Pfarrhaus war der Ort zu dem alle Bevölkerungsschichten Zugang hatten. Geistliche Leitung, aber auch Musik, Kunst und Kultur
wurden oftmals dort zugänglich gemacht und weiter vermittelt. Warum konnte der Pastor damals als Allein-Manager so erfolgreich wirken?

Weil er, wenigstens auf dem Land und in Kleinstädten, oft der einzige war, der ein solches Programm anbot (allerdings kamen Kunst und Kultur oft nur sehr zurückhaltend vor). Jeder kannte ihn und es gab wenig oder auch gar keine Konkurrenz. Und auch in der Großstadt war es manchmal bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts noch so.

Schaue ich mich in meinem Umkreis um, gibt es in der Gegenwart immer seltener das traditionelle Pfarrhaus wie Sie es beschreiben. Was geht uns damit verloren, innerhalb der Gemeinde, aber auch gesellschaftlich?

In den Gemeinden ein Zufluchts- und Gesprächsort, den jeder ohne Bedingungen jederzeit ansteuern konnte. Das ist das romantisch-ländliche Idyll, das sich ziemlich lange gehalten hat. Heute muss man sich meist nach den Bürozeiten richten oder jedenfalls einen Termin abmachen.

Heute wird in manchem Pfarrhaus ein Bündnis für Kirchenasyl geschmiedet oder man kümmert sich mit Gemeindemitgliedern um Flüchtlinge – das, unter anderem, würde fehlen, gäbe es keine Pfarrhäuser mehr. Dass die aber nicht mehr so sein können wie vor hundert Jahren, ist ja klar.

Herzlichen Dank für das Interview!

Cord Aschenbrenner hält ein signiertes Verlosungsexemplar bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 28. April 2015 unter diesem Beitrag postet nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück?

Herzlichen Glückwunsch –
Björn hat das Verlosungsexemplar gewonnen!

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Cord Aschenbrenner: Das evangelische Pfarrhaus

  1. Björn

    Reizvoll, da ich im Pfarrhaus arbeite. 🙂

  2. Angela

    Oh das interessiert mich sehr!

  3. Maria

    Das Buch interessiert mich auch sehr.

  4. Elke H

    In meinem früheren Wohnort gab es auch ein offenes Pfarrhaus. War immer interessant zu sehen, wer sich dort gerade aufhält. Man durfte kommen, wann man wollte und hatte immer jemanden zum Reden. Das Buch würde ich sehr gerne lesen.

  5. Rainer

    Hört sich sehr interessant an, ich wäre besonders auf die Baltikum- und Warthegau-Episoden gespannt.

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