Wigger/Kaul: Wunder inbegriffen

wunder inbegriffen

Rezension von Christian Döring:
Was Dr. Werner Wigger hier, zusammen mit Albrecht Kaul, aufgeschrieben hat, ist ein sehr realistischer Einblick in die DDR der 50er bis 70er Jahre. Werner wird in Mecklenburg geboren, christlich erzogen und stößt mehr als einmal an die ziemlich engen Grenzen der inzwischen untergegangenen sozialistischen Diktatur im Osten.

Da ich selbst Mecklenburger bin und diese Zeit miterlebt habe, kann ich seitenweise zum Inhalt des Buches immer wieder sagen: „Ja, genau so habe ich das auch erlebt.“ Auch Werner erlebt seine Schulzeit im Konflikt mit SED-Lehrern, wird zum Einzelgänger und verliert Freunde, wenn diese mitbekommen, dass er Christ ist.

Mithilfe wunderbarer Zufälle gelingt ihm der EOS-Besuch und der Albert-Schweitzer-Fan Werner Wigger bekommt an der Uni Rostock sogar einen Studienplatz. Als Pionier- und FDJ-Verweigerer grenzt dies tatsächlich an ein Wunder. Aber so war die DDR, nichts war in diesem Unrechtsstaat planbar . . .

Man merkt diesem Buch sofort an, dass Autor Albrecht Kaul und Werner Wigger die DDR tatsächlich aus eigenem Erleben beschreiben. Mit Gottes Hilfe, einem westdeutschen Freund und einer Schweizer Fluchthilfebrigade, gelingt dem jungen Arzt die abenteuerliche Flucht in einem Transporter über die Grenze nach Westberlin. Werners erster Gang in Westberlin führt ihn in eine Kirche, dort dankt er Gott für das soeben erlebte Wunder.

Werner Wigger zeigt mit seinem Leben eindrucksvoll, welch ein Kraftquell vom Leben mit Gott ausgeht und wie es lohnt sich treu zu bleiben und seine Träume zu verfolgen, schließlich wandelt er heute selbst auf den Spuren von Albert Schweitzer!

Brunnen, ISBN 978-3-765-50935-3, Preis 14,99 Euro

Dr. med. Werner Wigger hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Dr. med. Werner Wigger, zusammen mit Albrecht Kaul hast Du nun deine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Du hast als junger Mann in der DDR viel Unrecht erlebt und auch viel Glück gehabt, heute bezeichnest Du vieles als Wunder. Hättest Du als Schüler auch schon von Wunder gesprochen, wenn es zum Beispiel um Deine Zulassung zur EOS oder Deinen Studienplatz an der Uni Rostock ging?

Absolut, ja. Auch wenn es für viele Menschen heute, wo es die DDR nicht mehr gibt, kaum noch vorstellbar ist, wie da damals war mit den Grenzen und all das was die Trennung einst ausgemacht hat, so war mir damals durchaus bewusst, wie viel Bewahrung und Wunder wir nicht nur gelegentlich erlebt haben. Ja, gerade daraus bezogen wir ja unsere Ermutigung, dass Gott immer stärker war und immer wieder entgegen allen Drohungen und aller offensichtlichen und spürbaren Willkür der Machthaber, dennoch souverän blieb. Manchmal haben die anderen aus meinem Umfeld schon gemutmaßt, ob ich nicht ein heimlicher Mitarbeiter der Stasi bin, weil sich für mich trotz allem unangepasst sein nach und nach alle Türen auftaten, die den anderen bekennenden Christen verschlossen blieben. Nein, ich war nicht besonders clever im Umgang mit der Staatsmacht und ich hatte Angst, viel Angst. Am Ende war ich einfach ausgebrannt und hatte das Empfinden, dass ich es nicht mehr lange durchhalten werde, wenn Gott nicht noch dieses absolut unvorstellbare Wunder tun würde, zunächst überhaupt erst einmal eine Fluchtmöglichkeit zu schaffen. Aus der DDR heraus konnte man ja so etwas überhaupt nicht organisieren. Der Versuch, die Verwandtschaft da um Hilfe zu bitten schlug ja sofort auf entrüstete Ablehnung. Aber Gott hat sich dafür dann den Manfred Müller berufen.

Gerade in diesem ohnmächtigen Ausgeliefert sein an die Willkür des Staates ist durch diese vielen Wunder mein Glaube gereift und hat das Vertrauen in Gott einen so tragenden Tiefgang gewonnen. Somit sehe ich diese Jahre in der DDR letztlich als eine Segenszeit für mich persönlich, so hart es auch gewesen war. Und ich bin überzeugt, dass es zugleich auch eine Vorbereitungszeit für die weitere Entwicklung in unserer heutigen Gesellschaft war. Ich bin überzeugt, dass schneller als mancher es wahr haben möchte, wieder sehr harte Zeiten für bekennende Christen kommen werden, wo es auf die Frage hinauslaufen wird, warum jemand Jesus nachfolgt und welchen Preis er dafür zu zahlen bereit sein wird.

Die Landeskirchliche Gemeinschaft war Dein geistliches Zuhause. Erzähl uns bitte ein wenig wie Dich dieses kleine Häuflein Menschen so stark machen konnte, dass Du im real existierenden Sozialismus kein Mitläufer wurdest!

Meine Mutter hat uns Kindern den Glauben sehr authentisch vorgelebt. Ihr geistliche Heimat war die Landeskirchliche Gemeinschaft und wurde damit auch für mich geistliche Heimat. Alle Versuche meines Lebensumfeldes, mich als Christ lächerlich zu machen und meinen Glauben kaputt zu machen, hatten anfangs einen bewahrenden Trotz bewirkt und dann im Jugendalter eine bewusste klare Entscheidung für die klare Nachfolge draus werden lassen. Die Heuchelei und die Maskerade der Menschen im Alltag führten mich zu der Entscheidung, dass ich mich nicht selbst belügen wollte, dass ich persönlich dafür verantwortlich bin, ob ich ein klares Profil habe oder ob ich mich als Gesinnungsgenosse verkaufe und damit meine Würde verliere.

Bei der allgegenwärtigen Angst, dass im alltäglichen Umfeld eigentlich jedermann ein Spitzel sein könnte, der dich aushorcht und ausliefert, war es einfach wichtig und von großer Bedeutung, wenigstens bei ein paar Menschen auch mal ehrlich aussprechen zu können, was man dachte. Es war ein Bedürfnis, wenigstens zeitweise mal aus der Rolle aussteigen zu können, die man ja notgedrungen ständig nach außen hin spielen musste. Nicht, ich gezwungen gewesen wäre, andere anzulügen, aber immer schweigen und sich nicht darüber austauschen zu können, was in einem wirklich vorging und was man tatsächlich dachte und empfand, das war sehr bedrückend. Umso mehr genossen wir es, wenn wir uns in kleinen Kreisen trafen und miteinander austauschen konnten. Das eigentlich wertvolle dabei lag darin, dass wir im ehrlichen Austausch miteinander nicht einfach nur Frust an Frust reihten, sondern uns gegenseitig immer wieder damit ermutigen konnten, dass Jesus stärker ist und es so vieles gibt, womit er uns auf Seine Art Freude schenkte und das Vertrauen in Ihn stärkte. Da denke ich ganz besonders gerne an Falkenberg zurück und bin heute noch unendlich dankbar für Uwe Holmer, Klaus Richter und Pfarrer Plötner, die von Zeit zu Zeit Theologiestudenten nach Falkenberg einluden und wo ich mit dabei sein durfte. Es gab wunderbare und tiefgründige Bibelarbeiten und es gab so viel ermutigenden Austausch.

werner Wigger

Foto: Dr. med. Werner Wigger
(Quelle: Privat)

Als junger Arzt hast Du dann illegal Deine Heimat verlassen. Leute aus der Schweiz haben sich ihre Hilfe 30 000 DM kosten lassen. Du schilderst Deine Flucht ausführlich und Du gehst auf den Begriff Heimat dabei ein. Wo ist heute Deine Heimat in Mecklenburg oder im Siegerland?

Ich habe über 11 Jahre mit einem nostalgischen Begriff von Heimat gelebt und immer davon geträumt, dass ich eines Tages wenigstens mal zu Besuch in die DDR fahren und meine Heimatstadt Wismar wiedersehen könnte. Ich bekam keine Einreiseerlaubnis, noch nicht mal zur Beerdigung meines jüngeren Bruders. Damals war ich deswegen sehr bitter. Erst später als ich meine Stasiakte einsehen durfte begriff ich, dass es ein Wunder der Bewahrung war. Die Stasi hatte einen Haftbefehl auf zehn Jahre für mich ausgestellt. Die hatten eigentlich nur darauf gewartet, dass ich in deren Machtbereich auftauche. Dass ich trotzdem zur Beerdigung keine Einreiseerlaubnis bekam, damit sie mich vom Grab weg sofort hätten verhaften können, wie es viele male in der Realität tatsächlich passiert war, war Gottes barmherziges Eingreifen. Er hat den Stasileuten die Augen zugehalten.

So träumte ich all die Jahre von dem Tag, an dem das Wunder geschehen würde, dass ich nach Wismar kommen dürfte. Dann wollte ich ein ganz großes Fest veranstalten, alle früheren Freunde in ein nettes Restaurant einladen und mich mit ihnen über die vergangenen Jahre des Lebens austauschen. Alte Erinnerungen hochholen. Als es dann so weit war, dass die Grenze aufging und ich legal nach Wismar fahren konnte, musste ich eine sehr schmerzliche, sehr ernüchternde Erfahrung machen. Ich saß bei einem nach dem anderen der früheren Freunde im Wohnzimmer und nach einer viertel Stunde wussten wir uns nichts mehr zu erzählen. Wir waren uns fremd geworden. Früher waren für uns Menschen in der DDR die Besucher aus dem Westen Exoten. Mit ehrfürchtigen Blicken und Empfinden schlichen wir um deren tolle Autos und hatten Hemmungen, uns ihnen gegenüber im Gespräch ungeschickt zu verhalten und lächerlich zu machen. Jetzt auf einmal stellte ich ernüchternd fest, dass ich für meine früheren Freunde auch zu diesem Exoten aus dem Westen geworden war. Die Zeit war halt nicht stehengeblieben, sondern hatte jeden von uns auf seine Weise verändert und entfremdet. Die Stadt selbst war nach wie vor grau, verfallen und öde. Da hatte sich eigentlich nicht wirklich was verändert. Aber diese Äußerlichkeiten sind ja nicht das, was Heimat ausmacht.

Ich fuhr total ernüchtert und mit Tränen in den Augen wieder in den Westen zurück und musste für mich eine wichtige Entscheidung treffen. Ich musste den Begriff „Heimat“ für mich neu definieren. Ich entschied mich, von diesem Zeitpunkt an, das als Heimat zu verstehen, wo Gott mich jeweils hinstellt. Und ich muss nicht von alten nostalgischen Erinnerungen leben, nicht von künstlich erstarrten realitätsfremden Definitionen von dem was Heimat ausmacht. Und mir wurde klar, dass ich selbst dafür verantwortlich bin, überall wo ich lebe, Menschen zu entdecken, denen ich vertrauen kann und mit denen ich mein Leben teilen kann, Menschen, die Gott mir als Wegbegleiter immer wieder neu anbietet. Und ich habe es gelernt, sie zu entdecken und sie wertzuschätzen, auf welchen Kontinent mein Weg mich hingeführt hat.

Wir beide haben in Mecklenburg in der gleichen Region gelebt. Du beschreibst wie Du als Schüler zum Einzelgänger geworden bist, Du sprichst von Deiner Sehnsucht nach fremden Ländern, von Deinem großen Idol Albert Schweitzer, manchmal denke ich beim Lesen, ich lese hier seitenweise meine eigene Biografie. Warum müssen die Leser heute eigentlich noch etwas vom DDR-Alltag wissen?

Weil es unsere Geschichte ist, aus der wir lernen sollten. Es ist ja auch ein Stück weit, was unsere kulturelle Entwicklung geprägt hat, die Gesellschaft mit geformt hat. Wenn wir uns bewusst machen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie ihre Gesinnung verkaufen, dann sollten wir uns zugleich bewusst machen, dass wir dafür verantwortlich sind, was wir als dem uns anvertrauten Leben machen. Ich habe dies in meiner Rede vor der Klasse, beim Klassentreffen versucht, zum Ausdruck zu bringen. Und es geht auch darum, dass man Gott gerade auch in den harten und schmerzhaften Etappen der Lebensschule am besten erfahren kann. Er handelt sehr konkret in unser Leben hinein, wenn wir bereit werden, uns im Vertrauen auf ihn, total von ihm abhängig zu machen. Nach der Flucht, als mein Horizont durch die ersten Jahre im Westen eine enorme Erweiterung erfuhr, hatte ich manchmal in einer etwas verkürzten und oberflächlichen Denkweise dazu geneigt, mich als Opfer zu sehen, dem man durch die DDR Zeit wertvolle Jahre des Lebens gestohlen hat. Aber davon bin ich heute Gott sei es gedankt, weit entfernt. Wenn ich im Westen aufgewachsen wäre, wäre ich heute wahrscheinlich kein Christ mehr.

Aus dem kleinen mecklenburgischen Albert Schweitzer Fan ist inzwischen selbst ein Arzt geworden, der auf den Spuren Albert Schweitzers wandelt, was machst Du heute genau? Ich habe gehört Dein nächster Einsatz startet in wenigen Wochen?

Ich gehe ab Ende Juli in den offiziellen Ruhestand. Da freue ich mich schon ganz besonders drauf. Damit habe ich viel mehr Zeit für das, was ich so gerne noch für Gott tun möchte. Die Leitung des Missionswerkes, des DMÄT geht weiter. Aber nun habe ich endlich mal die Chance, nicht nur Dienstreisen, zum Organisieren und Vorbereiten der Arbeit des DMÄT in Afrika zu machen, sondern auch selbst wieder einmal ganz praktisch in meinem Beruf mitzuarbeiten.

Das Besondere an diesem Einsatz, der im September beginnt und erst einmal bis zum Jahresende geht ist, dass ich damit zwei Leute gezielt unterstützen und ermutigen werde, die nach der Grenzöffnung als die beiden ersten Bewerber aus den neuen Bundesländern zum DMÄT kamen. Sie hatten bis dahin im evangelischen Krankenhaus in Ludwigslust gearbeitet, Iris Schlagehahn als Ärztin und Christine Fritz als Krankenschwester. Die Beiden machten dann einen ersten Einsatz mit dem DMÄT in Uganda. Diese Erfahrung führte sie dann in den Langzeitdienst. Iris arbeitet schon einige Jahre mit der Wiedenester Mission in Mbesa, in Tanzania. Sie ist dort mittlerweile leitende Chefärztin, die dringend Unterstützung sucht.

Christine Fritz, die ich noch von den Jugendrüstzeiten aus der DDR kannte, ist seit vielen Jahren mit der Neukirchener Mission in Tanzania und leitet dort zusammen mit nur einem einheimischen Arzt ein Krankenhaus mit 80 Betten. Es berührt mich tief, wie Gott über einen so weiten Bogen den Kreis schließt. Durch meine Flucht in den Westen hatte ich zunächst den Kontakt zu Christine verloren. Gott hat uns dann wieder zusammen gebracht und jetzt darf ich zu einem Einsatz ausreisen, um sie in ihrem treuen Dienst zu ermutigen. Ist das nicht eine wunderbare Führung !

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Wigger/Kaul: Wunder inbegriffen

  1. Angela

    Danke für den Buchtipp und das interessante Interview. Sehr sympathisch und ermutigend.

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