Sabine Dittrich: Im Schatten der Verschwörung

im schatten der verschwörung

Rezension von Christian Döring:
In Vorbereitung auf das große Reformationsjubiläum 2017 luthert es bereits in viele Verlagen mächtig. Da bringt Sabine Dittrich mit ihrer Romanidee die längst fällige Abwechslung. Sie stellt nicht den großen Reformator Martin Luther sondern seinen Gegenspieler Thomas Müntzer in den Mittelpunkt.

Die Autorin erfindet um den Sohn Müntzers eine herrliche Liebesgeschichte und vor allem lässt sie Mias Müntzer Vergangenheitsbewältigung betreiben. Elternlos wuchs Mias bei fremden Leuten auf. Als er alt genug für die Wahrheit ist, erzählen ihm die Pflegeeltern wessen Kind er wirklich ist. Der große Bauernkrieg ist zwar bereits 20 Jahre vorbei, aber die Wunden von Tod und Verrat sind längst nicht verheilt.

Mias will genau wissen, wer sein Vater war, was er dachte. War er wirklich der „Bauernschlächter“ oder der „Satan von Allstedt“? Die Reise des jungen Mias in die Vergangenheit ist gefährlich für ihn, so trifft er nicht nur alte Weggefährten seines Vaters wieder, sondern er trifft auch die Liebe seines Lebens. Doch vorher muss geklärt werden, ob Dorotheas Vater wirklich der Verräter seines Vaters war …

Sabine Dittrich gelingt es sehr gut, Unterschiede zwischen Luther und Müntzer darzustellen. Für die Kenntnis der Figur von Thomas Müntzer hat das Buch einige Korrekturen gebracht.

Diese ungewohnte Sichtweise auf die Zeit nach dem großen Bauernkrieg von 1524/25 mitten in die Spannungen der Reformation, ermöglicht dem Leser aber auch das Erkennen von Parallelen hinein in unsere Gegenwart. Es geht wie so oft um das Heer derer, die immer ärmer werden und ihre Chance Freiheit zu erlangen. Behutsam zeigt die Autorin hier die materielle und theologische Schiene. Innerhalb der reformatorischen Bewegung benennt sie wichtige Strömungen, die sich zum Teil unversöhnlich gegenüberstehen.

Die Autorin Sabine Dittrich spürt in ihrem viel zu kurzen Roman Ursachen von Bauernkrieg und Reformation auf und verpackt in einer romantischen Liebesgeschichte, wie schwer die Wunden von Tod und Zerstörung verheilen!

Neufeld Verlag, ISBN 978-3-862-56062-2, Preis 9,90 Euro

Sabine Dittrich hat bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Sabine Dittrich, unsere frommen Verlage lassen es gerade mächtig luthern und da kommen Sie mir mit Thomas Müntzer. Wie kam es zu dieser Romanidee?

Ich sah zufällig eine Dokumentation über Müntzer im mdr und war sofort fasziniert. Daraufhin besorgte ich mir Literatur von und über den Reformator, fuhr an die Schauplätze der Bauernkriege in Thüringen. Die Geschichte entstand dann nach und nach vor meinem inneren Auge… Reformation ist viel mehr als Luther, auch Thomas Müntzers Teil daran soll nicht vergessen werden.

Thomas Müntzer scheint mir von der Literatur ziemlich stiefmütterlich behandelt worden zu sein. Erscheint mir dies nur so und wenn Sie dem zustimmen, was glauben Sie, warum ist dies so?

Ja, das ist so. Jedenfalls, wenn man die Vielzahl der Bücher betrachtet, die es über Luther gibt. Es existieren zwar etliche wissenschaftliche Werke – dank der Müntzer-Gesellschaft – aber als Romanfigur ist Thomas Müntzer noch nicht entdeckt. Schon zu Lebzeiten war er eine äußerst umstrittene Person, fast immer im negativen Sinne. Schwer, ihm gerecht zu werden. Sollte ich jetzt einen Held aus ihm machen oder ein Scheusal?

Ich habe den Roman letztlich als Rückblick aufgebaut und lasse Müntzers Zeitgenossen zu Wort kommen, die ja auch nur unterschiedliche persönliche Meinungen über ihn haben.

Warum konnten Müntzer und Luther theologisch gesehen nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen?

Ich bin keine Theologin, versuche aber mal eine Erklärung: Luther hielt am gesellschaftlichen System seiner Zeit fest. Ein gewaltsamer Umsturz im Namen Gottes war für ihn keine Option. Luther wollte die Kirche verändern und dazu benötigte er das Wohlwollen der Herrschenden. Müntzer erkannte in diesem Ständesystem eine Verfehlung gegen Gottes Willen, denn aus der Heiligen Schrift heraus sind alle Menschen vor Gott gleich. Immer wieder lud er die Herrschenden ein, ein besseres, Gott gefälliges Regime gegenüber den Armen zu führen. Die Fürsten waren über seine deutlichen Worte natürlich entrüstet.

Außerdem geriet Müntzer im Gegensatz zu Luther immer tiefer in eine mystische „Endzeiterwartung“. Er hielt viel auf prophetische Rede und die innere Stimme des Heiligen Geistes. Anfangs Gleichgesinnte, standen sich die beiden Reformatoren einige Jahre später kompromisslos als Feinde gegenüber.

Sabine Dittrich

Foto: Sabine Dittrich
(Quelle: Christine Kemnitzer-Pettirsch, Fotostudio R. Schwarzenbach/Hof)

In Ihrem Roman hat Thomas Müntzer auch 20 Jahre nach seinem Tod noch Anhänger und Freunde, warum war gerade er für viele Menschen so eine Lichtgestalt?

Müntzer muss ein begnadeter Redner und charismatischer Anführer gewesen sein. Seine Predigten weckten in den einfachen Menschen die Hoffnung auf eine bessere Welt. Die Fürsten konnten mit ihrer militärischen Überlegenheit zwar die Bauern leicht besiegen, aber nicht deren Hoffnung auf göttliche Gerechtigkeit. Der Same des „inneren Widerstandes“ gegen das viele Unrecht war gesät.

Vor zwei Jahren haben Sie mich mit „Erben des Schweigens“ fasziniert. Muss ich jetzt wieder zwei Jahre auf einen neuen Roman von Ihnen warten?

Gute Frage. Auf einen historischen Roman möglicherweise schon, denn dafür muss mich erst wieder ein neuer Stoff „packen“, der auch meinen Verleger überzeugt. Momentan schreibe ich an einem anderen Projekt – kein Roman. Doch nachdem Ihnen „Erben des Schweigens“ gefallen hat, könnte Sie das trotzdem interessieren. Mehr verrate ich aber noch nicht, denn wie heißt es so schön? Erst legen, dann gackern….

Vielen Dank für das Interview!

Der Neufeld Verlag hält drei Verlosungsexemplare für uns bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 30. Juli 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

Advertisements

9 Kommentare

Eingeordnet unter Uncategorized

9 Antworten zu “Sabine Dittrich: Im Schatten der Verschwörung

  1. Simone

    Das würde ich gern mal lesen. Die Autorin schreibt toll, ich kenne schon das letzte Buch von ihr.

  2. …..da springe ich mit in den lostopf und hoffe, dass ein buch für mich auf die reise geht….
    vg
    annette

  3. Der Jochen

    Freue mich aufs Lesen. Mit Jan Hus ist ja die Historienromanwelle wieder herangeschwappt und wird nun von der Lutherschen Reformationswelle überrollt. Da muss man dabei sein, oder?

  4. Smilla507 Susanne

    Das würde ich auch sehr gerne lesen! Ich hätte ohne die Buchvorstellung gar nicht gewusst dass es ein neues Buch der Autorin gibt. Ich liebe historische Romane!

  5. Esther

    Was für eine tolle Romanidee! Ich würde mich sehr über eines der Verlosungsexemplare freuen. 🙂

  6. theresa

    Wäre toll, mal was von der „anderen“ Seite kennen zu lernen! Sonst geht’s ja meist um Luther.

  7. Aga

    Ich wäre entzückt!

  8. Salome

    Habe mich die letzten Woche für eine Prüfung näher mit der Reformation beschäftigt und das wäre jetzt eine tolle Ergänzung =)

  9. Curin

    Zum Thema Reformation habe ich noch keinen Roman gelesen. Diesen würde ich gerne gewinnen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s