Ulrich Schacht: Grimsey

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Rezension von Christian Döring:

als die Limo noch 21 Pfennige kostete …

Wer Ulrich Schacht kennt, der wird wissen, auf was er sich einlässt. Ein Buch mit langen Sätzen, die man gelegentlich auch zweimal lesen muss, um sie in aller Gänze zu verstehen, aber auch herrliche Bilder, die nicht nur stimmig sind, sondern genau auf ihn selber zutreffen und uns Lesern selbst viel an Weisheit vermitteln. Eine Weisheit, die nicht verlischt wenn das Buch ausgelesen ist. Eine Lebensweisheit, die einem nachgeht, mit der man sich weiter beschäftigen kann.

1951 in der DDR im Knast geboren, wuchs er in Wismar auf. Schacht geht in seiner Novelle auf Reisen. Sein Ziel ist die isländische Insel Grimsey. Sehr genau beschreibt er, was er dort erlebt.

Aber Schacht springt nicht einfach in die Schublade Reisebericht. Er lässt sein neues Buch zum Lebensbericht werden. Springt immer wieder zurück in seine Kindheit. Ja, er hat recht, die rote DDR-Limo kostete nur 21 Pfennige… aber dafür gab es sie an wirklich heißen Tagen so gut wie nie im Konsum.

Vieles von dem, was der heute in Schweden lebende Schacht schreibt, kann ich gut nachvollziehen, ich frage mich, ob dies so ist, weil ich in derselben Gegend ein paar Jahre später aufgewachsen bin? Wie wird wohl ein junger Leser aus anderen deutschen Breitengraden mit diesem Buch zurecht kommen?

Bei allem was Schacht anpackt, ist er immer auch politischer Autor. Er wandelt bildlich zwischen Ostsee und Nordmeer, zwischen Kindheit und gestandenem erfolgreichen Autor. Und er fasst viele Weisheiten zusammen:

„Es ging um das Verhältnis des Menschen zur Welt … Das gnadenlose Mitglauben der jeweils neuesten Wahrheit.“ (Seite 39) Schacht meint, gedankenloses mitglauben zieht „geistige Armut“ nach sich und die wiederum macht unglücklich. Er zieht konsequenterweise Schlüsse aus seiner eigenen Biografie und wird so ganz nebenbei topaktuell. Genau dies ist es, was mich an Ulrich Schacht immer neu begeistert: Vordergründig schreibt er von sich und seinen Erfahrungen, aber er überlässt dem Leser nicht die Rolle des „passiven“ Lesers. Der muss beim Lesen mitdenken!

Auch wenn Ulrich Schacht heute die „honigbraunen Papierstreifen“ seiner Kindheit vermisst, alles andere in seiner Novelle ist aktueller denn je. Übrigens, die „Leimrolle“, die von den Lampen der Küchen in den 70er Jahren herunterhingen, die gibt es noch immer…

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Foto: Ulrich Schacht
(© Stefanie Schacht)

1973 musste Schacht in den DDR-Knast, er war vorher nicht frei und dann drei Jahre lang ebenso wenig. Aber war er frei als er in die BRD kam? Für mein Empfinden schlängelt sich Schacht ein wenig um ehrliche Antworten herum. Oder hat er keine? Seinen kurzen Ausflug zur Begrifflichkeit „vogelfrei“ finde ich seiner insgesamt meisterhaften Novelle nicht zuträglich, vielleicht verschwindet der Einschub auch deshalb glücklicherweise schnell wieder und wird nicht weiter vertieft. Auf der Suche nach Freiheit kann vogelfrei kein Ziel sein. Aber fertige Antworten serviert der Autor halt nicht!

Ulrich Schacht verbreitet Lebensweisheiten, nicht als Klugscheißer, eher als Zeugnis vor sich selbst. Als Leser lasse ich mich von seiner Novelle inspirieren, die hat es in sich und ich empfehle sie gern weiter!

Aufbau Verlag, ISBN 978-3-351-03618-8, Preis 19,95 Euro

Ulrich Schacht hat Bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Ulrich Schacht im Aufbau Verlag erscheint heute Ihre Novelle „Grimsey“. Warum ist dieses Buch ausgerechnet jetzt dran?

Dieses Buch ist schon vor längerer Zeit geschrieben worden, aber es war immer klar, daß es nicht „altern“, veralten konnte in einem vorschnellen, seinen Wert vermindernden Sinne. Deshalb mußte der beste Zeitpunkt für sein Erscheinen gesucht werden, und der schien dem Verlag und mir jetzt gekommen zu sein. Nicht zuletzt der Umstand, daß meine Novelle so Teil des Jubiläumsprogramms „70 Jahre Aufbau“ werden konnte, spricht für das Erscheinungs-datum. Darin spiegelt sich auch bewußt ein Programmschwerpunkt von Aufbau.

Ist es eine völlige Fehleinschätzung von mir, wenn ich behaupte: So viel Ulrich Schacht war bislang in keinem anderen Ihrer Bücher drin?

Wer meine Bücher kennt, insbesondere die erzählenden wie „Brandenburgische Konzerte“, das 1989 erschien, oder „Verrat. Die Welt hat sich gedreht“, das 2001 herauskam, weiß, daß ich zu den Autoren gehöre, die vor allem aus dem Stoff ihres persönlichen Lebens schöpfen. Was wiederum ganz und gar nicht bedeutet, daß meine belletristischen Titel im Autobiografischen aufgehen. Ganz im Gegenteil: Sie sind, besonders die jetzt erscheinende Novelle „Grimsey“, oft ins Parabelhafte gewendete Texte, die weit über die persönlichen Bezüge hinausragen und Erfahrungsfelder eröffnen, in denen Leser mit ganz anderen Biografien sich selbst mit ihren Träumen, Niederlagen, Dramen und Glückseligkeiten wiedererkennen oder wieder begegnen können. Deshalb ist es zuletzt mein vorheriges Aufbau-Buch „Vereister Sommer. Auf der Suche nach meinem russischen Vater“, das Ihrer Vermutung am meisten entspricht: Es ist rein auto- und familienbiografisch, bis ins Dokumentarische hinein.

Im Abstand von zehn Jahren sind wir beide in einer Gegend unter gleichen politischen Bedingungen aufgewachsen. Selbst wenn man als junger Mann der Enge des real existierenden Sozialismus entkam, wird man die Spuren in seiner Biografie je los? Was bleibt?

Die Antworten zuvor enthalten schon in gewisser Weise eine Mit-Antwort auf diese Frage. Natürlich wird man solche Spuren nicht los. Aber es sind ja nicht nur Spuren, die an Negatives erinnern oder davon erzählen – in „Grimsey“ wird die ganze Fülle des Lebens ausgebreitet, die einem jungen Menschen begegnen kann: begegnen unter ganz konkreten historischen Bedingungen, ohne sich in ihnen zu erschöpfen.

Sie wandern im Buch über die isländische Insel Grimsey, bildlich sozusagen von der Ostsee zur Nordsee. Was suchen Sie eigentlich?

Der Protagonist des Buches wanderte nicht nur an der Ostsee im Buch, er wandert auf „Grimsey“ über eine kleine Insel zwischen Nordmeer und Atlantik, und alle seine Wanderungen dieser Art sind Wanderungen auf einen Traum zu: auf die Insel seiner äußeren und inneren Freiheit. Es geht in diesem Buch also zuerst und zuletzt um den Freiheitstraum seines Protagonisten und darum, wie er die Krise, nicht alle seine Träume verwirklicht zu haben, geistig bewältigt. Nicht irgendwo und irgendwie. Sondern genau an diesem so abgelegenen Ort, auf der kleinen isländischen Insel „Grimsey“, die ja deshalb eine geradezu erschütternde Überraschung offenbart. Aber was da Dramatisches passiert und warum, muß der Leser selbst herausbekommen. Insofern ist es fast ein Seelenkrimi.

Streckenweise kommt mir beim Lesen Ihres Buches das Wort Resümee oder auch Abrechnung in den Sinn. Was glauben Sie, wann hat sich ein Menschenleben gelohnt?

Nein, die Wörter „Resümee“ oder gar „Abrechnung“ sind hier keine Treibsätze, die die Geschichte, die erzählt wird, voranbringen. Der Weg über „Grimsey“ ist ein Weg der Erkenntnis, der Selbsterkenntnis, also des Einverständigwerdens mit diesem Weg. Die positive Pointe läßt da keinen Zweifel übrig, ohne daß hier etwas in einem kitschigen Happyend auslaufen würde.

Sie selber wurden im DDR-Knast geboren. Haben Sie Freiheit je gefunden und hat sie neben Vorteilen auch Nachteile?

Der Protagonist in „Grimsey“ hat an vielen Stellen des erinnerten und erzählten Lebenswegs das gefunden, was man „Freiheit“ nennen könnte, und an diesen Stellen kommen sich Autor und Protagonist natürlich sehr nahe. Das Streben nach Freiheit hat keine Nachteile, vor allem nicht, wenn es um geistige Freiheit geht, aber gelegentlich muß man Konsequenzen tragen, die einem dafür Unfreiheit einbringen. Aber manchmal kann man die Freiheit nur dadurch verteidigen. Gefährlich wird die Freiheit für den einzelnen oder für alle nur, wenn sie als Ausleben von Egoismus, sei es individueller oder kollektiver Natur, praktiziert wird. Freiheit ohne Verantwortung ist entweder Anarchie oder Totalitarismus, und da sind sich Kapitalismus und Kommunismus ungeheuer ähnlich.

Was hat der Autor Ulrich Schacht nach „Grimsey“ für seine Leser in den nächsten Jahren noch in petto?

2016 wird ebenfalls bei Aufbau mein erster Roman erscheinen. Er heißt „Notre Dame“ und erzählt von einer leidenschaftlichen Liebe, einem Amou Fou, in der Wendezeit zwischen 1989 und 1991. Er spielt hauptsächlich in Paris, in der Erinnerung des Protagonisten, aber auch in Leipzig, Berlin und Hamburg, in Schottland und auf den Färöern. Es ist ein sehr umfangreicher Roman, über 400 S., der ein uraltes Thema verhandelt: in den Kulissen des Endes einer dramatischen Epoche, die für die Liebenden plötzlich zweitrangig wird, weil sie Teil einer sich auflösen Welt sind.

Herzlichen Dank für das Interview!

Der Aufbau Verlag stellt uns ein Verlosungsexemplar zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 6. September 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Ulrich Schacht: Grimsey

  1. Angela

    Für mich ist das eher nichts, aber ich wüsste jemand der es sicher gerne lesen würde…

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