Iris Muhl: Die Nacht der Versprengten

die nacht der versprengten

Rezension von Christian Döring:
Die Geschichte der Heiligen Nacht 1944 irgendwo im deutschen Niemandsland, die Iris Muhl hier aufgeschrieben hat, ist bereits bekannt.

Eine deutsche Frau nimmt in ihrer Blockhütte drei fast erfrorene amerikanische Soldaten auf, die ihre Einheit verloren haben. Einer der Soldaten ist lebensgefährlich verletzt und die Frau beginnt sofort ihn zu pflegen.

Wenig später kommen noch vier deutsche Soldaten dazu. Auch sie haben ihre Einheit verloren und man hört beinah die Spannung, als sie auf ihre Kriegsfeinde treffen. Es dauert nicht lange und gemeinsam singen sie in dieser Heiligen Nacht Weihnachtslieder.

Die deutsche Frau Elizabeth Vincken, verstößt bewusst gegen Gesetze, denn wer dem Feind hilft, der wird erschossen. Iris Muhl schreibt: „Christliche Barmherzigkeit soll nicht einfach ein Wort sein, sondern eine Tat.“ Damit wird diese alt bekannte Geschichte für mich top aktuell.

Iris Muhl schreibt eine 70 Jahre alte Geschichte neu auf und mir wird beim Lesen deutlich, wie brisant sie noch heute ist!

fontis, ISBN 978-3-038-48059-4, Preis 13,99 Euro

Iris Muhl hat Bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Iris Muhl, soeben ist dein Buch „Die Nacht der Versprengten“ erschienen. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet du diese seit 70 Jahren bekannte Geschichte neu formuliert und aufgeschrieben hast?

Diese Geschichte begleitet mich schon seit Jahren, aber ich habe sie aus verschiedenen Gründen erst jetzt umsetzen können. Ich kann mich nicht erinnern, wo ich sie gefunden habe. Oder anders formuliert, wo mich die Geschichte fand. Am Ende ist ja nicht wirklich so, dass wir Autoren die Geschichten finden, sondern es ist umgekehrt. Die Geschichten treffen auf uns. Und dann ist es wie eine Erleuchtung oder so ähnlich. Bei dieser Geschichte war es wohl auch so. Wenn sie dann mitten ins Herz einfällt, Tür und Tor zu meiner Seele öffnet, dann läuten die Alarmglocken und ich bin überglücklich. Ich bin eigentlich nicht so für süße Blockbuster-Weihnachtsstorys zu haben. Aber diese besondere Weihnachtsgeschichte, die sehr viel Konflikt- und zugleich Versöhnungspotential bietet, hat mich tief berührt. Eine gute Voraussetzung, um sie aufzuschreiben.

Wo waren deine Gedanken beim Schreiben mehr, im II. Weltkrieg oder in der politisch ebenfalls nicht einfachen Gegenwart?

Wenn ich schreibe, bin ich immer mitten in der Geschichte. Dann stehe ich früh um 6 Uhr auf, weil das die beste Zeit für mich zum Schreiben ist, und tauche mit Haut und Haar in die Geschichte ein. Ich brauche dann die absolute Ruhe. Dann schreibe ich ein paar Stunden, bis ich sehr müde und mir die Figuren abhanden kommen. Dann weiß ich, dass ich aufhören muss und erst am nächsten Tag weitermachen sollte. Außerhalb des Schreibens beschäftigt mich natürlich zurzeit die Flüchtlingsproblematik sehr stark. Ich könnte manchmal daran verzweifeln. Besonders das Schicksal der Kinder berührt mich. Auch diese Flüchtlinge sind Versprengte. Sie wurden vom Krieg vertrieben, mussten alles zurücklassen, sind auf der Flucht sich selbst überlassen und stetig mit der Tatsache konfrontiert, ganz von vorn anfangen zu müssen.

Frau Vincken in deiner Geschichte überschreitet Grenzen. Sie nimmt Amis und Wehrmachtssoldaten am Heiligen Abend in ihrer Blockhütte auf. Und das Verrückte nimmt seinen Lauf: Die Soldaten schießen nicht aufeinander, sie singen gemeinsam Weihnachtslieder. Müssen wir Christen heute einfach nur mutiger werden, Grenzen überschreiten?

iris muhl

Foto: Iris Muhl

Ich glaube nicht, dass Frau Vincken Grenzen überschritten hat. Unter Umständen ihre inneren, ja. Tatsächlich glaube ich, dass sie ihrer Überzeugung folgte und mit ihrem Herzen, mit ihrem starken Willen durchgesetzte. Im Buch wird sie auch nicht zur Missionarin, sondern begleitet die schwer gezeichneten Soldaten ein kleines Wegstück. Diese Christnacht hat die Männer bestimmt geprägt, war vielleicht Rettungsanker in großer Not. Diese Männer hatten ja schon eine schwere Zeit hinter sich. Das versuchte ich im Buch zu beschreiben. Ich glaube, es ist wichtig, als Christ Menschen immer wieder ein kleines Wegstück zu begleiten und vielleicht ist es dann möglich, etwas mitzugeben. Ich bin ein Vertreter der kleinen, feinen Aufmerksamkeiten. Mal hier ein offenes Ohr, ein Rat, ein Trost, ein aufrichtiges Dankeschön oder ein Kompliment, einfach das, was ein Mensch braucht. Ich glaube, das Sprichwort “Steter Tropfen höhlt den Stein” ist mir sehr nah. Christen bekommen viel geschenkt in ihrem Glauben an Gott. Trost, Freundschaften, Vergebung, Freude, Einsichten usw. Ich glaube, es ist wichtig, das auch an Menschen weiterzugeben, die keine Beziehung zur Kirche oder zu Gott haben. Am Ende ist alles nur ein Geschenk. Geben wir es weiter, dann bleibt es auch ein Geschenk.

Noch vor wenigen Jahren, meinten wir alle glücklich: Blogdenken und Kriegsgefahr in Europa wären Vergangenheit. Inzwischen wissen wir, der Krieg hat selbst in Europa wieder Einzug gehalten, wir haben politische Probleme noch und nöcher und da kommst du uns mit so einer Geschichte. Was kann die uns schon helfen?

Ich glaube nicht, dass es so ist. Der Harvard Wissenschaftler Steven Pinker meint, wir leben in der friedlichsten Zeit seit eh und je. Tatsache ist – und da muss ich dir Recht geben -, dass wir uns kaum vor Hinweisen, Zeitungsartikeln, Newslettern retten können, die uns diese angeblich schreckliche Welt beschreiben. Die Tageszeitungen melden grundsätzlich gerne Negatives. Sie verdienen Geld mit Nachrichten, die die Menschen aufwühlen. Das sagt doch schon viel aus. Natürlich sollten wir uns nicht vor der Flüchtlingskatastrophe verschließen. Oder vor der Christenverfolgung, oder dem Krieg. Aber ich habe aufgehört, jeden Tag schreckliche Nachrichten zu lesen. Stattdessen habe ich beschlossen, dort etwas zu tun, wo Hilfe tatsächlich gebraucht wird. Das ist mir sehr wichtig geworden. Aber du fragst mich, was Geschichten helfen? Sag mir, was die Welt wäre ohne all die Geschichten, die unser Leben geprägt haben? Mich haben Geschichten stark geprägt und mein Weltbild verändert. Besonders Bilderbuchgeschichten mit schönen Metaphern als Kind und dann viele wunderbare Romane und Novellen, die ich gelesen habe. Ich glaube daran, dass Geschichten glücklich machen, dass sie einen etwas mitgeben können.

Bei mehreren deiner Sätze im Buch dachte ich, die seien ganz konkret für die Gegenwart formuliert. Zum Beispiel dieser: „Christliche Barmherzigkeit soll nicht einfach ein Wort sein, sondern eine Tat.“ (S.133). Was können wir kleines Häuflein von Christen schon ausrichten?

Sind wir ein kleiner Haufen? Soweit ich weiß, leben über 2 Milliarden Christen auf dieser Erde. Das scheint mir ein recht akzeptabler Haufen zu sein. Und bestimmt haben 2 Milliarden Christen auch viele Ressourcen, um etwas in dieser Welt zu bewegen. Und ein Teil davon tut es ja auch. Ich kenne viele Christen, die etwas tun für diese Welt. Nur sprechen sie nicht darüber. Ich mag Kirchen, die etwas tun, und nicht einfach nur ihre Schäfchen zählen und Kaffee trinken. Ich ziehe meinen Hut vor Kirchen, die ein Herz für diese Welt haben. Das erinnert mich wieder an die Geschichte des barmherzigen Samariters aus der Bibel, die ich wirklich sehr liebe. Siehst du, dieser Samariter hat mich und deshalb mein Buch sehr stark geprägt. Da wären wir wieder bei der Frage: Was kann uns so eine Geschichte denn helfen?

Herzlichen Dank für deine Antworten!

Der fontis Verlag stellt uns drei Verlosungsexemplare zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 12. Oktober 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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10 Kommentare

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10 Antworten zu “Iris Muhl: Die Nacht der Versprengten

  1. Björn

    Bald vielleicht meins?

  2. Klaudia Kauer

    Eine Geschichte die gerade heute wieder aktuell ist. Das hat die Autorin sehr gut ausgedrückt. Barmherzigkeit und eine helfende Hand brauchen viele, die zu uns kommen und an unserer Tür klopfen. Schön, dass das Buch gerade zu dieser Zeit erschienen ist. 🙂

  3. Edelgard

    Würde mich interessier1n!

  4. margrit

    Das Buch würde ich auch lesen …

  5. Esther

    Iris Muhl sollte nicht aufhören zu schreiben! Ich würde mich sehr über dieses Buch freuen. 🙂

  6. Salo

    Ein ermutigendes und gleichzeitig herausforderndes Zeugnis.

  7. Curin

    Gerne würde ich das Buch lesen !

  8. Edith

    Ich liebe diese Geschichte, die so ermutigend ist bei all den Schreckensmeldungen in unserer heutigen Zeit, deshalb würde ich gerne dieses Buch dazu lesen.

  9. Reni

    Ein Buch über das sich meine Tochter sehr freuen würde 🙂

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