D.A.Carson: Die intolerante Toleranz

die intolerante toleranz

Rezension von Gerhard Warkentin:
Dies ist mal ein Buch zur Förderung der aktiven Denkarbeit und vor allem zum Mit-Denken!
Wenn man noch nicht so viel Vorwissen zur Thematik hat, dann muss man manche Zeile oder auch manchen Absatz vielleicht zweimal lesen. Aber das habe ich hier und da gerne in Kauf genommen, weil mich das Thema brennend interessiert. Der Autor selber ist Professor und schreibt sprachlich gut verständlich und inhaltlich dennoch anspruchsvoll.
Carson geht der Umdeutung des Toleranzbegriffs nach. Er spricht von der „alten Toleranz“ und „neuen Toleranz“. Der Begriff Toleranz wurde seit Jahrtausenden der eigentlichen Wortbedeutung nach als „erdulden, aushalten“ definiert. Die „neue Toleranz“ möchte unter dem Toleranzbegriff aber vielmehr „Akzeptanz“ verstanden haben und damit einhergehend ein Redeverbot all denen auferlegen, die mit der vorgegebenen Meinung in der gegenwärtigen Kultur nicht übereinstimmen. Weil es für dieses Denkmodell keine absolute Wahrheit gibt, kann es auch keine Hierarchie der Wahrheit geben. Aber sind alle Lebensentwürfe wirklich gleich gut für das Zusammenleben in der Gesellschaft? Der Autor macht dies an Beispielen wie „Sex mit Kindern“ (S. 26), eugenischem Kindermord (S. 40) oder der Organentnahme bei geistig behinderten Menschen zur Transplantation (S. 40), deutlich. Die neue Toleranz weigert sich zwischen „konkurrierenden Wahrheitsansprüchen und moralischen Ansprüchen ein Urteil zu fällen“ (S. 138).
Weiter fragt der Autor nach dem eigentlichen Kernproblem der „neuen Toleranz“ für die Gesellschaft. Und so erfährt der Leser, dass es in der Praxis gewisse Ähnlichkeiten mit totalitären Systemen hat, nämlich den totalitären „Rückgriff auf Zwang“ (S. 70). Und Carson ergänzt weiter: „Bei all ihrer hoch gelobten Offenheit für „das Andere“ kann die Postmoderne genauso exklusiv und übertrieben kritisch sein wie die Orthodoxien, denen sie sich widersetzt.“ (S. 116) Die Mutter der Toleranz ist der Relativismus. Und dieser „treibt regelmäßig seine Spielchen mit der Sprache, ermutigt zu dogmatischen Abweichungen, fördert Doppelzüngigkeit und gibt vor, demütig zu sein, während er eine erstaunliche Arroganz autorisiert.“ (S. 187)
Professor Carson lässt seine Leser auch über den Tellerrand der westlichen Welt blicken und kommt in seinen Beobachtungen zu einem sehr bemerkenswerten Schluss. „Mittlerweile sehen Kulturen in anderen Teilen der Welt in der westlichen (neuen) Toleranz oft nicht eine reife und zivilisierte Kultur, die es wert ist, nachgeahmt zu werden, sondern eine kindische und manipulative Kultur, die sich weigert, sich mit ernsthaften moralischen Fragen zu befassen, und dies ist wegen der Macht und Reichweite digitaler Produktionen eine Gefahr für ihre jeweilige eigene Welt.“ (S. 194) Also ist der Import dieser Neudeutung des Begriffs Toleranz nicht allseits willkommen.
Der Säkularismus möchte gerne Gott aus der öffentlichen Debatte und sogar der gesamten Demokratie heraushalten. Aber eine gutfunktionierende Demokratie des friedlichen Miteinanders braucht Gott und seine Wertmaßstäbe an denen man sich gerne auch mal reiben darf. Ja, die Demokratie braucht Gott, aber er selber ist nicht so demokratisch wie es sich manche heute wünschen. „Wenn die Religionsfreiheit zunehmend beschnitten wird, dann ist es nur eine Frage der Zeit, ehe die Freiheit … auch zunehmend beschnitten wird. Nicht umsonst wird die Religionsfreiheit oft die erste Freiheit genannt.“ (S. 211)
Carson wirft schlussendlich die Frage auf, ob es für Christen möglich ist in einer pluralistischen Gesellschaft zu leben?! Die Antwort darauf ist sehr eindeutig: Ja! Denn Christen möchten keinen Gottesstaat errichten, sondern das Evangelium verkündigen und praktische Nächstenliebe helfend leben und erleben wie Gottes Reich in den Herzen von immer Menschen Realität wird.
Fazit: 100 Punkte für dieses ausgezeichnete Buch!
P.S.: Der Verlag hat sich bei der Veröffentlichung für einen nicht zu engen Zeilenabstand entschieden. Darum ist der Text gut zu lesen und gut zum Unterstreichen!

3L Verlag, ISBN 978-3-941-98856-9, Preis 13,50 Euro

Der Verlag stellt uns von diesem Titel drei Verlosungsexemplare zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 25. Oktober 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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11 Kommentare

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11 Antworten zu “D.A.Carson: Die intolerante Toleranz

  1. silvertrue

    Ein einfaches Wort und doch so schwer zu begreifen.
    Wie viel können wir denn selber noch tolerieren? Wo ist die eigene Grenze?
    Ob im Job oder sonstwo – ich denke, man muss gar nicht soweit gehen, wo ist die eigene Toleranzgrenze? Denn diese ist, meiner Meinung nach, oft erheblich unterschiedlich zu der „gewünscht genormten“ da draußen.

  2. Curin

    Das Buch klingt interessant. Gerne würde ich es lesen!

  3. Salo

    Die Bücher des 3l-Verlags sind meist sehr gut! Würde ich gern lesen!

  4. margrit

    Vom 3L-Verlag haben wir bereits einige Bücher, vielleicht auch bald dieses … ?

  5. Jennie

    Ein sehr aktuelles Thema und ich denke, man kann sich dazu kaum genug informieren.

  6. Matthias

    Habe mich mit dem Thema bisher eher in satirischer Form auseinandergesetzt. (Vor allem Henryk M. Broders Bücher nehmen den modernen Toleranzbegriff auf eine köstliche Art und Weise auf die Schippe.) Carson ist da sicher ernster. Ich bin gespannt, wie er seinen Standpunkt entfaltet.

  7. Das Buch klingt sehr interessant!

  8. Reni

    Sehr aktuelles Thema , würde mich freuen wenn ich ein Exemplar gewinne.

  9. Anne S.

    TOLERANZ, wie lege ich diesen Wortbegriff aus, was steckt dahinter, wie verändert diese Ansicht, diese neue Definition unser Denken, Handeln, Miteinander, das Erleben? In welchen Generationen gibt es die meisten festgefhrenen Toleranzprobleme? *** finde ich Antworten auf viele Fragen in dem Buch? – Sicherlich- ich möchte es lesen! Danke.

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