Döring/Heinritz: Bibel statt Parteibuch

Bibel statt Parteibuch

Rezension von Gerhard Warkentin:
Der Autor Christian Döring beschreibt in seinem Buch „Bibel statt Parteibuch“ 25 ausgewählte Geschichten aus seinem Leben als Mensch und Christ in der DDR.
Gleich zu Anfang im Vorwort weist der Verlag darauf hin, dass diese Geschichten „zutiefst individuell und subjektiv“ seien (S. 9). Nun, diesen Eindruck hatte ich persönlich beim Lesen nicht, da ich im weiteren Bekanntenkreis schon sehr ähnliche Geschichten aus erster Hand gehört habe. Wie dem auch sein mag, es sind auf jeden Fall sehr aufklärende und bewegende Geschichten. Ein weiterer Untertitel dieses Buches hätte für mich auch lauten können: Wider das vergessen!
In der Schule kommt im Geschichtsunterricht die Thematik der DDR für die allermeisten Schülerinnen und Schüler zu kurz oder auch gar nicht zur Sprache, obwohl dies im Lehrplan sicherlich vorgesehen ist, aber die Unterrichtszeit nicht immer ausreicht. Darum ist ein Buch wie dieses umso wertvoller und kostbar, um einen nicht zu vernachlässigenden Teil unserer deutschen Geschichte aufzuarbeiten und in Erinnerung zu halten.
So lernt der Leser dieses Werkes nicht nur die Person Christian Döring näher kennen, sondern vor allem auch das (politische) System der ehemaligen DDR. Viele Abkürzungen und Begriffe (z.B. VEB, POS, Intershop, Deliladen,‘), die vom Autor immer sehr präzise erklärt werden, habe ich persönlich kennen gelernt. Besonders bezeichnend hierzu fand ich das elfte Kapitel (Wie ich mit meinem Pastor Farbe klaute, S. 90ff). Von einem konkreten Beispiel ausgehend wird der Leser hier an verschiedene Themen herangeführt: Beschränkung der Größe privater Handwerksbetriebe durch DDR-Gesetze, innerdeutscher Menschenhandel, Schattenwirtschaft, Schwarzarbeit, Genexkonten, Diebstahl, Gewissenskonflikte, Bestechungen und Solidarität der DDR-Bürger untereinander.
Besonders gut hat mir gefallen, dass es dem Autor gelungen ist den psychischen und manchmal auch körperlichen Terror gegenüber Christen als roten Faden aufzuzeigen. Denn die damit einhergehende Verunsicherung und Angst waren tägliche Begleiter im Alltag vieler Christen! Hier zwei Beispiele:
„Mein Lehrer kam nach vorn und erklärte: „Du kannst dich setzen. Ich gebe dir eine drei. Du hast zwar richtig geantwortet, aber dein politischer Standpunkt ist miserabel. Christen sind rückschrittlich, und solange du dieser Gruppe angehörst, kann ich dich nicht besser bewerten.“‚ (S. 54)
‚Das hinderte allerdings die Stasileute nicht daran, ihre entnervenden Frage-und-Antwort-Runden bis zum Exzess zu wiederholen ‚ drei Tage und Nächte lang. Immer wenn ich gerade eingeknickt war, holte man mich zu einem weiteren Gespräch. Als ich schließlich von einem Mann in einem weißen Kittel eine Spritze bekam, einnickte und irgendwann aus einer Art Dämmerzustand erwachte, begann für mich eine sehr unruhige Zeit.‘ (S. 146)
Und so fast der Autor diese nahezu unglaublich klingende Zeit deutscher Geschichte mit diesen Worten zusammen: ‚Es war eine Zeit des Misstrauens und der Missverständnisse.“ (S. 148)
Alles in allem ist dieses Buch nicht nur inhaltlich höchst interessant, sondern auch sprachlich liest es sich dank des bildreichen Schreibstils des Autors sehr flüssig!
Für mich persönlich das beste Buch zum Jahrestag des Mauerfalls! Jedes Jahr neu zu empfehlen!

Verlag der Franckebuchhandlung, ISBN 978-3-868-27466-0, Preis 12,95 Euro

Ein signiertes Verlosungsexemplar liegt bereit. Wer seinen Kommentar bis zum 14. 11. 2015 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Döring/Heinritz: Bibel statt Parteibuch

  1. Der Jochen

    Klingt sehr lesenswert!

  2. Björn

    Würde mich freuen.

  3. Heike Br.

    Ich bin auch in der DDR aufgewchsen und bin evangelisch, ohne Partei im Elternhaus und kann einiges voll nachvollziehen. Eine gute Freundin war neuapostolisch und eine Ansere Zeuge Jeghovas. Unsere schulischen Leistungen waren jedoch super und auch unsere sportlichen Erfolge, jedoch Pionier- und FDJ-Arbeit ließ zu wünschen übrig. Klares: „Ja, mich interessiert das Buch und ich könnte es auch nach dem Lesen gern weiter reichen in unserer Gemeinde.

  4. Lena

    Ich bin nach der Wende geboren und im Westen aufgewachsen. Eines Tages möchte ich aber für die EKBO arbeiten. Also wäre dieses Buch die perfekte Lektüre für mich, um meine Gemeindeglieder ein bisschen besser zu verstehen – so hoffe ich zumindest.

  5. Doering

    dieses Wunder der „Wiedervereinigung“, Zeichen für die Südkoreaner und auch manchen Volkschinesen bewegt es (bzgl. Taiwan). – Wenn ich oben vom „wider das Vergessen“ lese, dann denke ich eher, wie wichtig wohl die Verdrängung seitdem ist?! Selbst mir Westdeutschen sind viele Vorgänge in jenen Jahren ab der Wende bis heute nicht klar. Sicher, manches kann man längst nachlesen, dazu manche hervorragende Reportage sehen. Und sogar brauchbare Kino-Thematisierungen. Ob man als Neider dasteht, wenn ich an die Zwangs-Soli(darisierung) seitdem erinnere? Die westdeutsche Politik war nie sauber – und warum sollte sie seit Übernahme des „Ostens“ geläuterter geworden sein? Und in der Gunst der Stunde war es für manchen wie nach dem Krieg auf dem Schwarzmarkt: während viele Täter einfach weitergelebt und weitergemacht haben – wie sonst sollte man sie auch „integrieren“? Gut, ich will hier aber k e i n Buch schreiben …. 🙂

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