Beile Ratut: Das schwarze Buch der Gier

das schwarze buch der gier

Rezension von Christian Döring:
Ein Freund hat mich auf dieses Buch hingewiesen. Erst wollte ich es nicht lesen. Es macht so einen düsteren Eindruck. Da steht ein Mensch hüfthoch im Wasser und ich kann nicht erkennen ob er gleich untergehen wird. Fröhlich sieht anders aus!

Aber der Freund bohrte nach. Ich griff zum Buch. Ein düsteres 287-Seiten-Werk, traurig, über weite Strecken hoffnungslos, manchmal brutal …

Da ist ein kleines Mädchen namens Alba. Einen großen Bruder hat sie. Der ist nicht nur ihr Spielpartner, der ist für sie mit seinen gerade mal acht Lenzen der große Held. Aber eines Tages ist Schluss mit lustig. Samuel kommt nicht mehr nach Hause. Er war nur mal schnell in den Wald gelaufen. Was dort passierte weiß niemand. Nach wochenlanger Suche gibt die Polizei auf.

Samuels Schwester und aus deren Sicht ist dieser Roman geschrieben, trägt Jahrzehnte sehr schwer an diesem Ereignis. Das Verschwinden des Bruders bestimmt das Leben der Schwester. Vater und Mutter sind unfähig mit Alba zu reden, so wird die 6jährige Schwester allein gelassen. Zeitweise droht die inzwischen erwachsene Alba unterzugehen.

In märchenhafter Sprache und höchster literarischer Dichte erzählt Beile Ratut. Dabei kehren Sätze und auch Halbsätze immer wieder. Aber ich nehme sie nicht als langweilige Wiederholungsfehler, sondern als mich gefangen nehmende märchenhafte Sprache.

Alba lebt Jahrzehnte mit dem Verlust ihres Bruders. Sie trägt so schwer an ihm, dass sie nicht fähig zu einer Beziehung ist. Männer kommen und gehen. Träume verfolgen sie.

Glücklicherweise lässt mich Beile Ratut nicht in der Hoffnungslosigkeit versauern. Mit Ihrem philosophischem Märchen zeigt sie einen Weg aus der Hoffnungslosigkeit heraus!

Wenn die Gier, die vor nichts halt macht beginnt, Liebe auszurotten, dann lies dieses Buch. Beile Ratut zeigt den Weg, an dessen Ende Licht zu sehen ist!

Ruhland, ISBN 978-3-885-09102-8, Preis 19,80 Euro

Beile Ratut hat Bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Liebe Beile Ratut, wie kommt eine junge Autorin auf ein so düsteres Thema für ihren Debütroman?

Ich schreibe Bücher über das, was aus meiner Sicht entscheidend ist. Mit meinen Büchern gehe ich in Konfrontation zu dem, was ich wahrnehme und beobachte, was mich beunruhigt, was mir Angst macht. Die Welt ist eben auch voller schrecklicher Dinge, eigentlich viel schrecklicher, als wir wahrhaben wollen. Das ist doch beunruhigend. Aber ich denke, wenn ich die menschliche Natur verstehen will, wenn ich andere Menschen wirklich lieben will, dann muss ich genau hinsehen. Dann muss ich wissen, wer ich wirklich bin und wer sie wirklich sind. Und dazu gehört, das Ausmaß des Bösen in der Welt und in uns sowie seine Folgen zur Kenntnis zu nehmen. Und dann versuche ich auch, darüber zu schreiben, wie ein Ausweg sein könnte. Ich habe keine Lust, noch einen Krimi zu schreiben, in dem das Böse eben einfach nur Dekoration ist. Oder noch einen Liebesroman, der eigentlich nur davon handelt, was man sich so unter Liebe vorstellt. Aber das ist eigentlich oft auch nichts anderes als Zufall oder das Verdecken von innerem Mangel. Ich habe also das geschrieben, was ich schreiben muss. Das Thema des verschwundenen Bruders fand ich spannend, weil dadurch, dass die Hauptperson nicht weiß, was mit ihm geschehen ist, eine Leerstelle entsteht, die das Böse der ganzen Welt möglich werden lässt.

Du schreibst aus Sicht der Schwester. Ganz tief tauchst Du in Ihre Gedankenwelt ein, manchmal denke ich beim lesen: ob die Autorin da nicht auch biografisches verarbeitet?

Nicht direkt biografisches. Natürlich ist mein Roman immer auch sehr geprägt davon, wie ich die Welt sehe und erlebe. Ganz vieles fließt da ein. Aber ich verarbeite nicht direkt eigenes Erleben, sondern eher eigenes Nachdenken über die Welt und den Menschen. Ich möchte auch nicht über mich schreiben, etwas Subjektives also, sondern Geschichten erzählen, die so stark sind, dass sie für sich selbst stehen, unabhängig davon, wer ich nun bin.

Ausgehend vom Verlust des großen Bruders, trägst Du Dein Thema dann aber auf eine Stufe, die uns Leser alle sehr konkret angeht. Menschliche Gier, Desinteresse am Anderen, all dies wirfst du der Menschheit vor. Ich kann das nicht in Frage stellen, aber warum hast Du daraus einen Roman gemacht?

Mit dem Roman möchte ich die Normalität dekonstruieren. Wir haben ja immer ein bestimmtes Bild davon, was normal ist, doch dieses Bild erscheint mir oft verzerrt, auch verschleiernd, sogar verlogen. Es blendet ganz vieles aus. Wenn du anfängst, mit den Menschen wirklich zu reden, dann hörst du, was alles hinter der Normalität versteckt ist, all die Nöte, Abhängigkeiten, das Verdrängen, die Verwundungen und Schuld. Aber dann geht man eine rauchen, einkaufen und mit den Kollegen ein Bier trinken. Man macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Als wäre das alles gar nicht da. Und wenn dann ein Mensch doch anfängt, sich mit all diesen verleugneten Dingen zu beschäftigen, wird er feststellen, dass das gar nicht so einfach ist, dass man ihn dafür sogar hart angeht. Wir vertragen das Leben also eigentlich nicht wirklich, wir wollen oft auch gar nicht, dass Heilung kommt. Sie erschüttert ja das ganze Gefüge, nagt an unserer Normalität. Zum anderen stellt das Buch ja auch moralische Fragen. Wir halten einen Menschen für menschlich in Ordnung, wenn er „nett“ ist. Vor dem Hintergrund des verschwundenen Bruders wird aber deutlich, dass das gar nicht stimmen kann. Vielleicht hat ein ganz „netter“ Mensch ihm dann doch Gewalt angetan? Wir wissen ja meist nicht, was sich hinter den Kulissen abspielt. Und so treffen die Menschen dann auch ihre Lebensentscheidungen, binden sich an andere Menschen, weil sie „nett“ erscheinen, und eben nicht, weil sie durch moralisch überzeugendes Handeln unser Vertrauen errungen hätten. Das ist gefährlich, weil es auch wieder etwas ist, das die sogenannte Normalität zementiert.

beile ratut

Foto: Beile Ratut

In Deinem Buch steht geschrieben: Gier rottet die Liebe aus. Warum gehen wir Menschen so mit uns um? Kannst Du uns einen besseren Lebensentwurf herzaubern?

Ich denke, wenn der Mensch alleiniger Maßstab ist, wenn es nichts Absolutes über ihm gibt, das real ist, dann muss er natürlich versuchen, für sich das beste herauszuholen. Dann muss er eigentlich gierig sein. Dann gibt es vielleicht graduelle Unterschiede, der eine ist vielleicht mit einem besseren Charakter geboren und denkt auch mal an andere, der andere ist eben von seinem Wesen her, eher eigennützig. Oder die Umstände führen dazu, dass man es sich leisten kann, nicht nur an sich zu denken. Dann gibt es nur das, was hier und jetzt da ist, was wir uns irgendwie aneignen können. Auch ist es so, dass der Mensch, wenn er nur das hat, was faktisch möglich ist, und nicht das, was noch nicht ist, vielleicht nicht einmal sein könnte, sich uns aber durch Glauben erschließen kann, so ein Mensch bleibt natürlich auch gefangen und verstrickt in den Mächten dieser Welt. Und wenn ein Mensch innerlich sehr unsicher ist, wenn er vor Leiden zurückscheut und sich den schmerzhaften Dingen nicht stellen will, dann wird er, egal ob in der Kirche oder außerhalb, auch nur das wiederholen, was schon da ist, und nichts Neues wagen. Nehmen wir aber mal an, dass es einen Gott gibt, dem der Mensch nicht egal ist, der sogar einen großen Plan für unser Leben hat, dann könnte man natürlich alles etwas entspannter nehmen. Wenn dieser Gott sich dann nicht einmal zu fein ist, höchstpersönlich in diese Welt zu kommen, um dem Bösen die Macht über uns zu nehmen, indem er dem Menschen im Leiden vorausgeht, dann müsste man nicht einmal in Notsituationen Angst haben, dann kann man ja gar nicht zu kurz kommen. Aber dann müsste man erst einmal lernen, diesem Gott zu vertrauen, zu vertrauen, dass er real ist, gut ist und uns nicht hängen lässt. Der Mensch heute hat aber unglaublich viel Angst, egal ob in einer Kirche oder außerhalb. Er muss „Seins“ verteidigen, er kann oft gar nicht loslassen und die eigene Not real werden lassen. In meinen Büchern möchte ich aber zeigen, dass das geht. Dass man in der Not nicht untergeht, sondern gerade dort Errettung finden kann, wenn man denn die Errettung wirklich sucht.

Dein Buch ist gespickt mit brutalsten Szenen. Warum mutest Du mir so etwas zu?

Ich denke, dass das Böse da ist , und sehr präsent. Auch wenn wir nicht in einem Kriegsgebiet leben, nicht geschändet werden. Es ist anmaßend zu glauben, dass man im Zweiten Weltkrieg natürlich gegen die Nazis angegangen wäre, dass man sich nichts hätte zuschulden kommen lassen. In jedem von uns steckt die Möglichkeit, Böses zu tun, in vielerlei Weise. Oft tun wir auch Böses, ohne es überhaupt zu bemerken, weil unser Sichtfeld einfach sehr eingeschränkt ist. Wir können ja jetzt gerade auch sehen, wie sehr das Böse in Form von Vernichtung und Gewalt um sich greift, an vielen Orten in dieser Welt. Ich denke, wir müssen uns das genau anschauen, aus Loyalität mit all den Menschen, die schlechter wegkommen als wir selbst. Oder eben auch, um zu verstehen, wie reich wir beschenkt werden, wenn uns diese Dinge nicht widerfahren. Auf der anderen Seite denke ich, dass ein Mensch immer verstrickt ist, als Opfer, aber auch als Täter. Die Gewalt bei uns ist heute oft nicht in erster Linie körperliche Gewalt, bei uns sind es Dinge wie Grenzüberschreitung, Lüge, Ignoranz, Missbrauch, Verleumdung, eben auch Gier. Ich denke, mein Buch zeigt in seiner Gesamtheit, dass wir alle gerrettet werden müssen. Wir können uns nicht selber retten. Wir brauchen eine Antwort. Die Vehemenz des Bösen und die Tatsache, dass die Normalität nur eine sehr unzureichende Verschleierung des Bösen ist, macht die Tatsache der Erlösungsbedürftigkeit, aber auch die Kraft der Errettung, die für uns alle ja möglich ist, nur noch deutlicher. Darum fand ich es richtig, diese Szenen so zu schreiben.

Dieser Bücherblog heißt „Bücherändernleben“. Was kannst oder was willst Du mit Deinem Roman bewirken? Können Bücher überhaupt Leben verändern?

Das ist für mich DIE zentrale Frage! Was kann einen Menschen innerlich anrühren? Was kann ihn dazu bewegen, sich auf den Weg zu machen und die Wahrheit über sein Leben herausfinden zu wollen? Vielleicht ja auch eines meiner Bücher? Das wäre toll.
Daran, dass sich viele Menschen an meinen Büchern auch stören, erkenne ich, dass ich doch irgendwie ins Schwarze treffe, dass ich Punkte anrühre, die angerührt werden müssen. Wichtig ist ja schon mal, dass Bücher so geschrieben werden, dass sie eine Wirkung haben. Ich habe genug Romane gelesen, an die ich mich nicht erinnern kann. Oder ich kann mich zum Beispiel nur daran erinnern, dass es irgendwie um eine Versuchung ging. Aber das Buch hatte keine Bedeutung, nichts Bleibendes, es war im Hinblick auf Werte sogar fragwürdig. Es war nur „ganz nett.“ Aber ein Mensch spürt im Innersten doch sehr genau, ob er es mit etwas Authentischen, mit etwas Lebendigem und Entscheidendem zu tun hat, und er muss selbst herausfinden, ob er sich anrühren lassen will oder nicht. Auf diese Entscheidung hat auch Literatur keinen Einfluss. Wenn jemand nicht will, will er nicht. Aber ein gutes Buch ist dennoch dann im Leben dieses Menschen gewesen. Es ist eine Möglichkeit, es kann nachschwingen. Genau wie ein bescheidener Ratschlag eines klugen Menschen an einen Jugendlichen, der entfaltet seine Kraft vielleicht auch erst Jahrzehnte später. Das weiß man nicht. Ich zumindest mache keine halben Sachen und nichts, woran ich nicht wirklich glauben kann und will. Daher werde ich auch nicht anfangen, Krimis oder Liebesromane zu verfassen, die nett, aber bedeutungslos sind, sondern weiter Bücher schreiben, die dem Leser etwas zumuten. Allerdings wird mein nächstes Buch sicherlich auch mehr vom diesseitigen Glück zeigen als meine bisherigen. Und wer weiß, das eine oder andere Leben ändert sich durch meine Bücher ja wirklich ein wenig.

Herzlichen Dank für Deine Antworten!

Beile Ratut wird in den nächsten Tagen immer mal wieder auf diesen Beitrag schauen. Sie lädt EUCH ein, Eure Gedanken und Fragen aufzuschreiben. Sie wird alles beantworten.

Beile Ratut stellt drei signierte Verlosungsexemplare zur Verfügung. Wer seinen Kommentar bis zum 3. Januar 2016 unter diesem Beitrag postet, nimmt automatisch an unserer Verlosung teil. Viel Glück!

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Beile Ratut: Das schwarze Buch der Gier

  1. Björn

    Bücher ändren Leben. 🙂

  2. Angela

    Klingt extrem spannend. Muss gestehen dass ich nach der Rezension nicht erwartet hätte dass die Autorin gläubig ist. Aber gut dass es nicht nur Schubladenchristen und -literatur gibt. Und immer wieder erhellend ein Autoreninterview zur Rezension. Das Brutale müsste ich wohl überlesen… hoffe da bleibt trotzdem noch was übrig.

  3. Sandra P.

    Ich glaube, dass dieses Buch mitten ins Herz trifft und einen nicht mehr loslässt. Wuerde ich gerne lesen 🙂

  4. margrit

    … bin gespannt …

  5. Romanus C.

    Die Rezension macht neugierig.

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