Matthias Lohre: Das Erbe der Kriegsenkel

kriegsenkel

Rezension von Christian Döring:

Von meinem Alter her gesehen, zählt mich der Autor des vorliegenden Buches zur Gruppe der Kriegsenkel. Als ich beginne dieses Buch zu lesen, bin ich skeptisch. Kriegskinder, ja die sind bekannt, wurden auch bereits des Öfteren thematisiert. Aber Kriegsenkel?

Dann lese ich Seite um Seite und finde in den Beschreibungen von Matthias Lohre Erinnerungen, die auch in meine Kindheit passen. Kriegskindern sind oftmals Emotionen verloren gegangen, sie konnten scheinbar mit ihnen nicht mehr umgehen, geschweige denn sie im Leben zulassen. Zu viel hatten sie mit ansehen, mit erdulden müssen. Und wie hat sich dies auf uns Kriegsenkel übertragen?

Die lebenslange Beziehung zwischen Eltern und Kindern stand auch Jahrzehnte nach Kriegsende, noch immer unter dem Eindruck von Bomben und Vernichtung, Flucht, Vertreibung und vielen anderen Nöten. Auch wenn Kriegsenkel nicht die Bilder schrecklicher Kriegsereignisse sehen mussten, so haben wir doch mit unseren Eltern auskommen gelernt und diese waren oft lebenslänglich deformiert vom Krieg. Viele landeten in jahrelangen Depressionen, zu keinerlei lebensfrohen Aktionen mehr fähig.

Der Autor kommt auf der persönlichen Schiene mit seinem Thema daher. Er schreibt von seinen Eltern, stellenweise finde ich mich wieder… Erst nach dem Tod von Vater und Mutter macht er sich auf den Weg hinein in die Familiengeschichte. Ihm wird schnell klar: „Kriegsenkel können noch heute mehr über ihre Eltern und Großeltern herausfinden, als sie sich vorstellen können. Sie müssen bloß lernen, wem, wann und wie sie die richtigen Fragen stellen.“

Aber wie sollen Kinder mit ihren Eltern, den Kriegskindern, reden? Was, wenn immer wieder alte Geschichten als Bollwerk erzählt werden, aber niemand an den Kern von Vater und Mutter herankommt? Der Autor gibt Hinweise und lässt Experten raten.

Es hat einige Seiten gebraucht, aber inzwischen hat dieses Thema Besitz von mir ergriffen. Je weiter der Autor gen II. Weltkrieg schreitet und je weiter er die prägenden Schatten dieses furchtbaren Krieges beschreibt, die gleichermaßen auf Kriegskinder, wie auch Kriegsenkel fallen, um so befreiender und erhellender kann der Blick der heutigen Generation sein. Lohre zeigt, dass nur über einfühlsame Gespräche ein heilender Prozess in Gang gesetzt werden kann. Dieser Prozess ist gewinnbringend für beide Seiten.

Es kommt nicht darauf an, jemanden in seiner Situation anzugreifen oder zu verurteilen. Erst wenn wir die Lebensgeschichten unserer Eltern wirklich kennen, wenn wir verstehen, warum sie so geworden sind, wie sie uns oft das Leben erschwert haben, erst dann ist Heilung möglich.

Was nach dem lesen bleibt? Reden wir miteinander, solange es noch geht!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-5790-8636-1, Preis 19,99 Euro

Hier der Blog zum Buch.

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