Boris Reitschuster: Putins verdeckter Krieg

putins verdeckter krieg

Rezension von Christian Döring:
Dieses neue Buch vom Putinkritiker Boris Reitschuster liest sich zweifelsfrei wie ein Politthriller.

Ein großer Freund von Reitschuster bin ich nie gewesen, aber dieses Buch hat mich beeindruckt. Es dringt in eine Materie ein, die nur schwer verständlich ist. Putin, so der Autor, hat sich in den letzten Jahren vor allem in Westeuropa ein ganzes Netzwerk treuer Anhänger geschaffen. Wie dies gelungen ist und wie dies am Laufen gehalten wird, all das beschreibt Reitschuster, auch wenn er für mein Empfinden gelegentlich ein wenig zu dick aufträgt.

Wobei er sicherlich recht hat, wenn er behauptet, dass wir im Westen dem Kremlherrn gegenüber noch immer zu gutgläubig sind. Tatsache bleibt, dass Putin ein ausgebildeter KGB-Mann der untergegangenen Sowjetunion ist und Erfahrungen in der DDR gesammelt hat. Ob und wie ihm dies heute von Nutzen ist, bleibt unbeantwortet.

Reitschuster bringt in seinem Buch Beispiele von Unterwanderung, die sich spannend lesen, mich aber gelegentlich fragen lassen: Geht wirklich Putin als Initiator in die Geschichte ein oder sind es nicht oftmals Ereignisse und Fakten, die ihm sehr entgegenkommen und die er äußerst geschickt für seine Interessen zu nutzen weiß? Da ist beispielsweise das Verschwinden eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin. Verwunderlich war es schon, dass sofort der russische Außenminister in die deutsche Innenpolitik einzugreifen versucht hat und dieser Fall in den russischen Medien tagelang weit oben auf der Themenliste stand. Die harmlose Auflösung des Falles hat dann in Russland niemanden mehr interessiert. Man muss bei solchen Beispielen wirklich ins Grübeln kommen…

Dieses Buch ist wichtig zu lesen. Doch die Tatsache, dass bei uns in Westeuropa viele Bürger zu aktiven Putinverstehern werden, die sich für die Interessen des russischen Präsidenten instrumentalisieren lassen, diese Tatsache wird mir nicht eindeutig genug gewürdigt. Oft biedern sich in geschmackloser Art und Weise Linke und Rechte bei ihm an und kämpfen beispielsweise in der Ukraine auf Seiten der Separatisten. Es gibt Fälle, da sind kämpfende deutsche Nazis, allein des Solds wegen zu den Separatisten übergelaufen. Dies zeigt welch hohes Maß an gefestigter Ideologie oftmals in einzelnen Kämpfern steckt.

Es bleibt dabei: Reitschuster legt hier ein Buch vor, welches gelesen werden muss!

Econ, ISBN 978-3-430-20207-7, Preis 19,99 Euro

Nachdem ich viele anonyme Aufforderungen bekommen habe, meine Rezension zum aktuellen Reitschuster Buch wieder zu löschen, habe ich mich zu einem Interview mit dem Autor entschlossen und bin ihm sehr dankbar für seine Antworten:

boris reitschuster

Autor Boris Reitschuster,
(© Michael Kappeler)

Lieber Boris Reitschuster, soeben ist ihr neues Buch „Putins verdeckter Krieg“ erschienen. Wie kommen Sie zu diesem Thema?

Nach 16 Jahren in Russland, das ich 2012 wegen Drohungen verlassen musste, hatte ich seit Putins Besetzung der Krim immer wieder Deja-Vu-Erlebnisse in Russland. Die Trolle im Internet, die Propaganda, kremlegebene Netzwerke – ich traute teilweise meinen Augen und Ohren nicht. Also habe ich mich entschlossen, dem nachzugehen. Und die vielen Puzzle-Teile gesammelt und zusammengelegt, und in die Geschichte geblickt. Da ergab sich ein Bild, das mich selbst überraschte: Putin hat die Methoden, mit denen KGB und Stasi unser System im Westen zersetzen wollten, wiederbelebt; zu einem großen Teil eins zu eins, nur in vielem verfeinert, etwa durch die Nutzung von US-PR-Agenturen. Da kreuzen sich die Skrupellosigkeit, der Zynismus und die Dreistigkeit des alten KGB, die ja oft leicht zu durchschauen waren, mit modernsten Methoden der Beeinflussung und Manipulation aus den USA. Das ist eine hochgefährliche Mischung des gefährlichsten aus beiden Systemen, das an ein Frankenstein´sches Monster erinnert. Eine weitere Rolle spielt die Technik: KGB und Stasi konnten von Internet und Satellitenfernsehen nur träumen.

Sie haben viele Fans und viele Gegner. Warum spaltet gerade die Figur Putin die deutsche Leserschaft so sehr?

Hätte ich diese Gegner nicht, könnte man daraus ja ableiten, dass meine Thesen nicht stimmen. Die massive Propaganda, der Lobbyismus, all das muss ja Folgen haben und zumindest teilweise fruchten. Hätte ich nicht 16 Jahre in Russland gelebt – wer weiß, vielleicht würde ich selbst Putins Propaganda und den Manipulationen der so genannten Putin-Versteher auf den Leim gehen – die in der Mehrheit kaum russisch sprechen und auch nicht dort leben bzw. keine familiären Verbindungen dorthin haben. Die Realität in Putins Unrechtsstaat, die Willkür dort, die soziale Ungerechtigkeit, das Ausgeliefertsein des Einzelnen gegenüber dem Staatsapparat – all das ist jenseits der Vorstellungswelt von Menschen im Westen, die nur Freiheit und Demokratie erlebt haben. Es ist schon tragikomisch, dass viele aus durchaus berechtigter Enttäuschung über die Entwicklungen bei uns ihre Hoffnungen in ein solch gescheitertes, zynisches, menschenverachtendes System stecken. Und es ist wohl menschlich, dass man solche Illusionen ungern aufgibt und geneigt ist, lieber den Überbringer der schlechten Nachricht anzugreifen, als die eigenen Ansichten in Frage zu stellen.

Anfangs dachte ich immer, Sie übertreiben so sehr. Inzwischen habe ich mich selbst mit dem Thema ein wenig beschäftigt und nun noch ihr Buch, es hat mich überzeugt! Was glauben Sie warum fordern viele Leser von mir, dass ich meine positive Amazonrezension löschen soll. Es werden doch noch andere positive Reaktionen kommen?

Es kommen sehr, sehr viele positive Reaktionen. Und zwar im Wesentlichen von Menschen, die dieses System kennen und deshalb wissen, dass meine Informationen zutreffen. Aber ich glaube, auch bei vielen anderen, die einen angreifen, keimen tief im Inneren die Zweifel. Das führt zu einer besonders aggressiven Reaktion – weil man damit auch gegen die eigenen Zweifel ankämpft. Davon zu trennen sind die vielen Kreml-Propaganda-Krieger und Trolle. Deren Hassattacken, die ganzen Angriffe unter der Gürtellinie, die Diffamierung, die auffallend mit den hinlänglich dokumentierten Zersetzungsmethoden von KGB und Stasi übereinstimmt – all das fasse ich als Kompliment auf. Früher hat es mich aufgeregt, jetzt weiß ich: Das bestätigt nur, dass ich – leider – Recht habe.

Ist Merkels Boykott gegenüber Russland richtig? Wie sollte Deutschland sich Russland gegenüber heute verhalten?

Ich würde nicht von einem Boykott sprechen. Herr Steinmeier umschwärmt ja geradezu seine russischen Gesprächspartner. Ich wünsche mir mehr Adenauer und Helmut Schmidt im Umgang mit Moskau, weniger Schröder und Steinmeier. Im russischen Sprachgebrauch gibt es inzwischen sogar den Begriff „Schröderisierung“ – der für eine Korrumpierung der westlichen Eliten steht. Wir müssen die Dinge beim Namen nennen und klare Grenzen setzen: Putin achtet nur Stärke, und Signale der Schwäche zu senden ist fatal. Beispiel Krim: Da wäre die Moskauer Führung durchaus zu gewissen Kompromissen bereit – aber hinter vorgehaltener Hand sagt man: „Wozu entgegenkommen, wenn wir auch so durchkommen? Wir sind doch nicht blöd.“ Das zeigt, wie fatal viele Signale von uns in Moskau ankommen. Wandel durch Anbiederung – das funktioniert nicht.

Es gibt viele Putinversteher in Westeuropa. Dies kommt dem Kremlherrn sehr gelegen. Was bewegt die Putinversteher ihn so unkritisch zu sehen?

Putins Propaganda setzt sehr geschickt bei den Schwächen des jeweiligen Zielpublikums an. Viele Linken glauben, im Innersten sei er ein Kommunist und schätzen ihn deshalb, obwohl er für Staatskapitalismus steht. Für viele Rechten ist er aufgrund seines Führungsspiels und seiner Nähe zur neuen Rechten ein Idol – von der Schwulenfeindlichkeit angefangen bis hin zur vermeintlich alten, familiären Werten und generellem Widerstand gegen die Moderne. Viele Religiöse denken, er stünde für eine Rückkehr zum Glauben. Wie absurd, so etwas von einem KGB-Oberstleutnant anzunehmen. Tu glauben, ausgerechnet ein Land, das von 70 Jahren Totalitarismus schwerst gebeutelt ist, die eigenen Traditionen verloren hat und mit dem Erbe der Sowjet-Indoktrination kämpft – Zynismus, Nihilismus, Wertefreiheit – für den Wahrer alter europäischer Werte zu halten. Dich Putin versteht es meisterhaft, jedem Projektionsfläche zu geben. Die KGB-Schule ist da nicht zu übersehen.

Mal ganz realistisch: Ist der russische Präsident Wladimir Putin eine Bedrohung für unsere Demokratie?

Ich würde es so sagen: Er wäre mit Sicherheit keine größere Bedrohung als die DDR und die Sowjetunion, wenn wir unsere Demokratie nicht selbst in Gefahr bringen würden. So erfolgreich wie wir selbst kann Putin unser System gar nicht destabilisieren. Das Dümmste, was wir machen könnten, wäre, Putin für die alarmierenden Entwicklungen bei uns verantwortlich zu machen. Die sind hausgemacht. Putin schüttet lediglich Brandbeschleuniger ins Feuer. Nur wegen unserer Schwäche ist die Wirkung seiner hybriden Kriegsführung so stark. Auch, weil viele von uns den Kompass verloren haben, Demokratie, Rechtsstaat und Freiheit nicht mehr schätzen. Putins Angriff kann uns helfen, das wieder zu tun. Wenn wir das schaffen, werden wir Putin dankbar sein müssen. Dann könnte er gar zum Retter unserer Demokratie werden – – wider Willen.

Vielen Dank für das Interview!

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Boris Reitschuster: Putins verdeckter Krieg

  1. Andi

    Ich habe das neue Buch von Herrn Reitschuster nicht gelesen und habe auch nicht vor, es zu tun. Das was ich darüber gelesen habe, und dazu gehört auch dieses Interview, reicht mir schon. Die Argumentation beschränkt sich irgendwie immer auf Verweise auf die KGB-Vergangenheit von Putin und seinem Umfeld. Das ist mir zu dünn und oft im Bereich der Verschwörungstheorie. Irgendwie scheint Herr Reitschuster im Kalten Krieg hängen geblieben zu sein.

    Was mich aber wirklich ärgert und was der Grund ist, warum ich hier schreibe, sind seine Schubladen für die sogenannten Putin-Versteher. Ich bezeichne mich selbst als ein solchen und habe sehr wohl Bezug zu Russland. Seit Beginn der 2000er-Jahre war ich sehr oft bei der Familie meiner Frau zu Gast und habe die Aufbruchstimmung in der russischen Bevölkerung insbesondere in der Zeit zwischen 2005 und 2009 miterlebt.

    Wie ich in vielen Gesprächen mit anderen „Putin-Verstehen“ erfahren habe, eint uns der realistische Blick auf das Land und seine Möglichkeiten nach 70 Jahren Kommunismus. Glaubt Herr Reitschuster wirklich, wenn 2000 anstatt Putin z.B. Boris Nemzow Präsident geworden wäre, sich Russland zu einer Musterdemokratie entwickelt hätte? Ich habe da eher ein ukrainisches Szenario vor Augen, wo weiterhin rivalisierende Oligarchen für Chaos sorgen. Ja, in Russland gibt es einen Berg von Problemen, vieles könnte besser sein. Aber es gibt eine gewisse Stabilität und Freiheit, die die Menschen in Russland zu schätzen wissen. Was ich damit sagen will: Herr Reitschuster irrt, wenn er glaubt, dass die „Putin-Versteher“ in ihm einen Heilsbringer sehen, oder glauben, er würde irgendeinen Gegenentwurf zum Westen schaffen. Nein, ich möchte nicht lieber in Russland leben, aber ich versuche zu verstehen, was es für eine gewaltige Aufgabe ist, dieses riesige Land zu führen. Auch wenn es oft nur ein Durchwurschteln ist.

  2. „Ich habe das Buch nicht gelesen, aber ich habe eine Meinung dazu“ – ist es nicht einfach lächerlich, wenn jemand so was sagt? Einer, der weder von dem Buch, noch von den Umständen in Russland eine Ahnung hat…Versuchen Sie mal in Russland eine Demo gegen die Regierungspolitik zu veranstalten, dann werden Sie kaum über „eine gewisse Freiheit“ in Russland sprechen…Und die „Stabilität“ in Russland gleicht eher der „Stabilität“ des Friedhofs, wo wirklich ja gar nichts passiert, da die Toten bekanntlich sehr ruhige Persönchen sind…

    • Andi

      Jewgenia,
      es ging mir gar nicht so im Speziellen um dieses Buch, sondern um die Haltung von Boris Reitschuster, die sich in all seinen Interviews und Büchern zeigt. Seine erste Putin-Biografie habe ich z.B. vollständig gelesen. Andere Werke, wie auch sein neuestes nur in Ausschnitten quer in der Buchhandlung. Und das reicht mir in der Tat um festzustellen, dass da jemand mit jeder Menge Schaum vorm Mund übertreibt. Natürlich muss man Putin kritisieren, aber nicht deart polemisch. Diese ganze Systema-Geschichte ist z.B. einfach nur grotesk und der Besitzer der Sportschule in Augsburg freut sich nicht wirklich über diese Art von Rufmord.

      Zurück zu Russland. Wie ich bereits geschrieben haben, kenne ich die Verhältnisse in Russland sehr gut. Auch ich muss bei meinen stets mehrwöchigen Aufenthalten den Kopf schütteln über die Bürokratie (Registrierung!), über die Infrastruktur oder über die Cousine meiner Frau, die sich kaum um ihr Kind kümmern kann, weil sie jeden Tag bis zehn Uhr in ihrer Bank arbeiten muss.

      Aber denken Sie, die Menschen wünschen sich die Ära der Perestroika oder die Jelzins zurück. Das war ein Trauma. Lassen Sie den Menschen und der Politik in Russland doch Zeit. Ja, ich weiß, das sind wieder die typischen Putin-Troll -Argumente. Aber ich kann auch nichts dafür, dass ich keine Angst vor Putins Russland habe (unsere Demokratie ist noch immer sehr stark Herr Reitschuster) und auch nicht dafür, dass meine Verwandten und Bekannten einfach froh sind (oder waren) nach all dem Chaos mal halbwegs durchatmen zu können.

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