Monatsarchiv: Juli 2016

Daniel Böcking: Ein bisschen Glauben gibt es nicht

ein bisschen glauben gibt es nicht

Rezension von Christian Döring:
Während ich in eine christliche Familie, in ein christliches Umfeld hineingeboren wurde, in der das Christ sein auch nach
außen hin gelebt wurde, hat Autor Daniel Böcking einen anderen Weg zurückgelegt. Bis er Mitte 30 war, hat er das
„lauwarme“ Leben eines Christen gelebt. Aber dann kam es zur Kehrtwende und heute „belästigt“ er den lieben Gott
mit all seinem täglichen Kleinkram und macht die Erfahrung, da ist jemand, der sich für ihn interessiert,
der ihn liebt, so wie er ist.

Eben diese Kehrtwende, die ich so nie erleben konnte, ist spannend dargestellt und Autor und Verlag haben sicher
gewusst, dass diese Darstellung Widerspruch erzeugen wird. Muss es auch, denn dort wo Gott und wo ein Leben mit
Gott so überzeugend dargestellt wird, da kommt es zur Diskussion. Und dies ist gut so. Gott zum Thema zu machen,
ist gerade in unserer Gegenwart dringend notwendig!

In seinem Buch klappert Böcking viele Themen ab, die für einen Christen wichtig sind, anderen, die sich vielleicht
ebenso mit der Gottesfrage beschäftigen, kann er damit sicher Hilfestellung und Gesprächspartner sein. Wichtig,
und das wird in diesem Buch sehr gut dargestellt, ist die Tatsache, dass das Glaubensleben nicht ein abgeschlossener
Lebensbereich sein sollte, der eventuell sonntags für eine Stunde ausgelebt wird, sondern mitten in unseren Alltag
gehört. An dieser Stelle hätte ich mir noch ein paar Bezüge in unsere aktuelle gesellschaftspolitische
Debatte gewünscht.

Aber so ist dieses Buch ein beeindruckendes Glaubenszeugnis geworden von einem Mann, der auszog,
um Gott kennenzulernen und der sich heute die Freiheit nimmt, auch im Alltag mit Gott zu leben!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-08640-8, Preis 17,99 Euro

Der stellvertretende Chefredakteur der Bild.de Daniel Böcking hat Bücherändernleben nun folgende Fragen beantwortet:

Lieber Daniel Böcking, soeben ist Ihr „Ein bisschen Glauben gibt es nicht“ erschienen. Wie kommen Sie zu dieser Feststellung? Ich sehe doch an jedem Weihnachtsfest die vielen Halbtagschristen in unseren Kirchen sitzen und höre wie sie zufrieden „Stille Nacht…“ singen. Also gibt es ja doch so „ein bisschen“.

Ja. Genauso verlief auch mein „christliches“ Leben 36 Jahre lang. Heute würde ich gutwillig sagen: So kann der Weg beginnen. Aber das Christ-Sein stellt klare Vollzeit-Anforderungen. „Folge mir nach!“ oder „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand“ klingt nicht nach „sei mal so ein bisschen nebenher gläubig. Passt schon irgendwie!“
Für mich war diese Erkenntnis aber keine Pflicht, sondern ein Grund zur Freude: Wenn ich auch nur ein bisschen an Jesus glaube, dann sind doch die Zusagen, die er mir macht, so großartig, dass ich mit Anlauf und Hechtsprung in ein neues Leben im Sinne seiner Nachfolge eintauchen möchte.
Jesus – so wie ich ihn kennengelernt habe – ist jedenfalls kein Freund von halben Sachen.

Was ganz konkret haben sie den Halbtagschristen voraus?

Ich habe niemandem etwas voraus. Höchstens, viel Mist gebaut zu haben und auch heute noch wieder und wieder auf die Nase zu fallen. Was sich geändert hat: Ich erkenne meine Fehler, bereue sie und weiß, dass es bei Gott Vergebung gibt. Ich lerne jeden Tag dazu, bemühe mich, in Gottes Wort zu bleiben und freue mich über die Veränderungen. Meine Erfahrung: Das Richtige zu tun, das eigene Ego hinten anzustellen, immer wieder auf die Suche nach Gottes Willen zu gehen – ob in der Bibel oder im Gebet – ist anfangs durchaus anstrengend. Aber es lohnt sich. Und mit der Zeit richtet sich der innere Kompass so aus, dass man sich von dem Schlechten und dem Mist gar nicht mehr so angezogen fühlt. Ich glaube, dass Gott mich innerlich umbaut. Die Ruhe, der Frieden und die Gewissheit, die ich dabei erfahre, sind absolut jeden Verzicht wert.

Wer oder was hat Sie zu Ihrer Kehrtwende bewogen und wie hat Ihre Familie und wie die lieben Kollegen darauf reagiert?

Im Jahr 2010 begegnete ich als Reporter vor Ort mehreren Tragödien und Katastrophen. Ich war direkt nach dem großen Beben in Haiti, dann auf der Loveparade in Duisburg, viele Wochen lang in Chile, um die Rettung der 33 verschütteten Bergleute zu begleiten. Hier begegnete mir immer wieder ein starker Glaube an Gott. Ob in der Trauer, der Verzweiflung, der Hoffnung oder der Rettung. Damals kam mir in den Sinn: Wenn ich doch auch an Gott glaube, kann sich das nicht nur irgendwo am Rande meines Lebens abspielen. Also begann ich, zu beten und in der Bibel zu lesen. Ich habe es einfach ausprobiert – und Gott hat die Verbindung hergestellt und mir gezeigt, dass es die ersten Schritte auf einem guten Weg waren. Natürlich gab es viele Menschen, die mich dabei begleitet haben. Meine Familie gehört auf jeden Fall dazu. Aber auch von Kollegen hab ich kaum Spott oder Häme erfahren.
Was mich besonders gefreut hat: Auch Kollegen, die an gar nichts glauben oder einer anderen Religion angehören, haben sehr freundlich und oft sehr respektvoll reagiert. Mir ging es ja auch eben nicht darum, einen Glauben mit einem anderen zu vergleichen. Für mich ist Jesus der Erlöser – aber ich respektiere auch jeden, der etwas anderes glaubt. Umgekehrt habe ich es auch so erlebt.

Hat eigentlich der liebe Gott Sie gefunden und zur Kehrtwende angestiftet oder haben Sie ihn gesucht und gefunden?

Am Ende ist es sein Weg. Deshalb würde ich mir nie anmaßen, mir selbst für irgendetwas auf die Schulter zu klopfen. Aber ich denke schon, dass Gott nicht nur Liebe schenkt, sondern auch Liebe von uns fordert. Insofern ist es schon nötig, selbst aktiv zu werden und sich auf ihn einzulassen.

daniel böcking

Autor Daniel Böcking,
Foto von Christian Langbehn

Für viele Christen gehört das Christ sein in den Privatbereich. Wie halten Sie es mit dieser strengen Einteilung? Wohin mit dem lieben Gott?

Ich möchte ein Leben in Gott führen. Das umfasst jeden Bereich und jede Minute meines Lebens. Das führt aber nicht zu einem verklärten Blick durch eine rosarote Sonnenbrille oder zu einer Unfähigkeit, im Alltag seinen Weg gehen zu können. Im Gegenteil: Gott gibt uns in der Bibel viele, viele Hinweise, wie wir sein Wort auch im Job leben können. Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Geduld – das sind ja keine Werte, die man nur am Frühstückstisch leben könnte.

Sie leben nun mit Gott. Wie Sie schreiben belästigen Sie Gott wirklich mit all ihrem täglichen Kleinkram. Wie sieht das in Ihrem Alltag aus? Wie wird das konkret sichtbar Ihr Leben mit Gott?

Ich beginne und beende jeden Tag mit der Bibel und mit Gebeten. Das gibt mir einen schönen Rahmen. Ansonsten ist es tatsächlich so: Ich bete sehr viel – auch kleine Stoßgebete zum Beispiel in der U-Bahn, wenn ich Danke sagen will oder Beistand brauche – und versuche, Gottes Wort zu meiner Richtschnur zu machen. Das beinhaltet alles. Keine Lügen, keine Ellbogen, keinen Egoismus, Hilfsbereitschaft, Geduld. Daran kann man schon erahnen, wie oft ich daneben lange. Zumal ich von Natur aus eher einen kurzen Geduldsfaden habe. Es ist eben ein Weg, auf dem ich mich befinde. Ganz konkret: Ich habe aufgehört, Alkohol zu trinken. Nicht, weil das Bier an sich schlecht ist. Sondern weil ich den Hang dazu hatte, übers Ziel hinaus zu schießen. Das war für einen leidenschaftlichen Partygänger wie mich ein krasser Schritt. Aber ich versuche, die Dinge bleiben zu lassen, die mich im Christsein nicht weiterbringen, um mehr Energie für das Richtige zu haben.

Seit bald sechs Jahrzehnten lebe ich mit Gott und komme immer mal wieder an Lebensmomente an denen Gott schweigt, ich aber dringend eine Antwort von ihm erwarte. Sie werden diese Momente kennen. Wie gehen Sie damit um? Schwebt da nicht immer so etwas wie Enttäuschung in der Luft mit?

Ich spüre manchmal die Unsicherheit in solchen Momenten des Schweigens. Aber nie so lange, dass ich ernsthaft enttäuscht würde oder ins Zweifeln geriete. Dies ist aber tatsächlich ein Punkt, in dem ich absolut unerfahren bin: Mein Leben verlief bislang sehr glatt, ohne harte Schicksalsschläge. Deshalb kann ich da kein guter Ratgeber sein. Ich bewundere Christen, die trotz Not und Verzweiflung stark im Glauben bleiben und kann nur beten, dass Gott mir in einem solchen Moment ebenfalls solche Kraft schenkt.

Vielen Dank für Ihre Offenheit die in Ihren Antworten steckt!

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