Irina Badavi/Angela Kandt: Wenn der Pfau weint

Wenn der Pfau weint von Irina Badavi

Wenn der Pfau weint von Irina Badavi

Rezension von Christian Döring:
Spätestens seitdem der IS die Welt in Angst und Schrecken versetzt, haben wir etwas vom Volk der Jesiden gehört. Ein kleines Volk das tief verwurzelt in eigener Religion und Tradition lebt.

Das Mädchen und Frauen in diesem Kastensystem nicht viel wert sind, mag gar nicht so sehr verwundern. Aber was Irina Badavi aus eigener schmerzvoller Erfahrung berichten lässt, kann einem schon Wut, Empörung und Fassungslosigkeit entlocken.

Irinas Familie hatte in Georgien gelebt. Den Vater hatte sie als prügelnden Diktator zu spüren bekommen und die Mutter als schweigende Haussklavin. Sie machte sich mehr Gedanken um das Ansehen der Familie, als um das Wohlergehen ihrer eigenen Kinder.

Als auch in der Sowjetrepublik Georgien Glasnost um sich griff, beschloss Irinas Vater mit seiner Familie in Deutschland Asyl zu beantragen.

Schon nach wenigen Monaten wurde Irina mitten in Deutschland zwangsverheiratet. Ihr wesentlich älterer Mann schlug und vergewaltigte sie und sagte ihr ins Gesicht, dass sie nur für Sex und zum Wohnung putzen auf der Welt sei.

Als Leser hetze ich von Seite zu Seite, weil ich wissen will wie Irina diesem Märtyrium entkommt. Aber zunehmend wird auch interessant zu erfahren wie so eine Parallelgesellschaft hier mitten in Deutschland funktioniert. Wohl zum ersten Mal erfahre ich aus erster Hand was es heißt nach jesidischer Tradition zu leben. In einem Kastensytem gefangen indem die Frau nichts wert ist, der Mann die Kinder und die Ehefrau schlägt und für die Zwangsverheiratung seiner Töchter sorgt.

Wie deutsche Behörden sich um Irina als Kind und später als zweifache Mutter kümmerten, berichtet die Journalistin Angela Kandt. In aller Offenheit berichtet Irina ihr aus ihrem Leben und der Leser erfährt an welchen Stellen Integration schier unmöglich erscheint.

Irina Badavi hat Lebensmut bewiesen und ist unter schwierigsten Bedingungen der Parallelgesellschaft entkommen. Sie ist mitten in der deutschen Gesellschaft aufgefangen worden. Viele jesidische Frauen und Mädchen hat sie in der Gefangenschaft der deutschen Parallelgesellschaft zurückgelassen. Mit diesem Buch wird mir erstmals bewusst, wie viele Menschen unfreiwillig in Parallelgesellschaften leben und wie viel Mut es erfordert diese zu verlassen.

Der deutsche Leser sollte sich das mutige Lebenszeugnis der Irina Badavi nicht entgehen lassen!

Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-08652-1, Preis 19,99 Euro

Mit Irina Badavi konnte ich nun dieses Gespräch führen:

Liebe Irina Badavi, Sie haben Angela Kandt Ihr ganzes Leben erzählt. Was hat das alles in Ihnen ausgelöst? Was hat es Ihnen gebracht?

Auf der einen Seite hat dieses Erzählen wieder Vieles in Erinnerung gebracht. Da waren verdrängte Ereignisse, aber vor allem auch Gefühle, Schmerzen. So manche Schläge habe ich erneut auf meiner Haut und ganz tief in mir gespürt. Plötzlich erinnerte Demütigungen, aber auch Wut wühlten mich wieder so auf, dass ich es kaum aushalten konnte. Doch so schmerzhaft dieses Erinnern teilweise war, so hat mir das Reden auch gut getan. Einige Dinge habe ich für dieses Buch überhaupt zum ersten Mal erzählt.

Als Jesidin in Deutschland lebend, waren Sie Gefangene einer Parallelgesellschaft. Zwangsverheiratet und Besitz eines Mannes, ist das Tradition oder Religion?

Das ist schwer zu sagen, weil in unserer jesidschen Kultur Tradition und Religion sehr miteinander vermischt sind. Beim Versuch, es dennoch zu trennen, sage ich gern: Nicht die Religion ist das Problem, es sind die Menschen, die sie missbrauchen. Und da bin ich schon bei Traditionen bzw. einem tradierten frauenverachtenden Verhalten, das sich über die Zeit etabliert hat. Nach meiner Beobachtung früher in Georgien und später hier in Deutschland ist das, was mir geschehen ist, nicht die Ausnahme. Es kommt vor. Aber es gibt mittlerweile auch tolerantere jesidische Familien, die nicht den einengenden Traditionen, in denen ich gelebt habe, verhaftet sind und trotzdem ihre jesidische Kultur leben. Dies allerdings oft unter Schwierigkeiten, weil die soziale Kontrolle in den jesidischen Gemeinschaften groß ist.

Oft wurden Sie von Ihrem Vater und später von Ihrem Ehemann geschlagen. Der Ehemann hat Sie mehr als einmal vergewaltigt. Wie kann man mit solchen seelischen Wunden zwei Kinder erziehen, selbst Liebe weitergeben?

Ja, das habe ich mich zuweilen auch gefragt. Schließlich habe ich weder in meinem georgischen Elternhaus, noch in dem Clan hier in Deutschland Liebe und Zuneigung kennengelernt. Aber da war immer die Sehnsucht in mir, eine Ahnung, eine Hoffnung, dass es so etwas gäbe. Ich habe ja schon als Kind viel gelesen. Und diese Bücher haben mir Welten eröffnet, in denen Menschen anders miteinander umgehen, als ich es gewohnt war. Außerdem habe ich ja in der Familie meiner russischen Freundin beobachtet, wie lieb, wie nett, wie warm Menschen zueinander sein können. Es ist mir ein großes Bedürfnis, meinen Kindern, die ganz früh die Gewalt ihres Vaters erleben mussten, all die Liebe zu geben, die ich nicht erlebt habe.

Die Männer kommen in Ihrem Buch sehr schlecht weg. Ich kann dies zwar bei Ihren Erfahrungen sehr gut verstehen, aber sind diese Männer nicht auch nur Gefangene einer unmenschlichen Religion?

Zunächst würde ich die Religion nicht als unmenschlich bezeichnen, sondern, wie bereits erwähnt, das Verhalten vieler Menschen. Und ja, es stimmt: Ich weiß von Männern, die zwangsverheiratet wurden. Aber ihr Unmut darüber richtete sich nicht gegen das jesdische Herrschaftssystem mit seinen Kasten, sondern sie wurden gewalttätig gegen ihre Frauen. Ich wünsche mir einfach sehr, dass die jesidischen Männer, die ja in unserem System immer noch den Ton angeben, begreifen, dass eine Abschaffung unserer strengen Heiratsregeln und die Achtung der Würde, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von Männern und Frauen letztendlich auch ihnen zugutekommt.

Was glauben Sie, gibt es heute noch in Deutschland jesidische Familien, in denen Frauen geschlagen und junge Mädchen zwangsverheiratet werden?

Ja, das gibt es. Durch meine Arbeit im Frauenhaus und auch mit Geflüchteten weiß ich von solchen Übergriffen. In den Medien finden sich immer wieder Berichte von sogenannten „Ehrenmorden“ an jungen Mädchen und Frauen, die sich widersetzt haben.

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Foto: Irina Badavi

So gut es geht sind Sie heute dieser Parallelgesellschaft entflohen. Was macht der deutsche Staat in der Integrationsarbeit falsch? Wo hätten Sie sich, als Sie noch in der Parallelwelt lebten, viel mehr Hilfe von deutschen Ämtern und Behörden gewünscht?

Das Problem war ja einfach, dass ich in dieser Parallelwelt mitten in Deutschland gelebt habe wie eine Gefangene. Man hat mir alles verboten, vor allem den Kontakt zu diesem Deutschland und das Erlernen seiner Sprache. Deshalb hatte ich keine Ahnung von meinen Rechten in diesem Land. Deshalb bin ich in allergrößter Not, als ich glaubte, mein Exmann würde mich töten, zur einzigen Behörde gegangen, die ich kannte: das war die Ausländerbehörde. Heute würde ich sagen: Der Staat hätte mehr tun müssen für die Integration unserer Familie. Als ich mit meinen Eltern und Geschwistern als Flüchtling aus Georgien hier ankam, war ich erst 16. Die Behörden, die Sozialarbeiter hätten die Schulpflicht durchsetzen müssen. Dann hätte ich wenigstens schon früh Deutsch gelernt und gesehen, wie die Menschen hier leben, welche Rechte und Pflichten sie haben. Ich meine, dass Deutschkurse die erste Pflicht für alle ankommenden Flüchtlinge sein sollten.

Wie leben Sie heute? Sehen Sie für sich eine Zukunft in Deutschland?

Ja. Hier ist mein neues Zuhause. Hier lebe ich mit meinen Kindern. Hier habe ich einen tollen Job, in dem ich mich für Frauenrechte engagieren kann. Ich habe zwar aufgrund meiner Geschichte keinen wirklichen Kontakt mehr zu meiner Familie und die jesidische Gemeinde hat mich nach dem Verlassen meines Exmannes ausgeschlossen, aber ich habe hier eine Sozialfamilie. Ich bin als Jesidin geboren und werde auch als Jesidin sterben. Doch Deutschland ist meine neue Heimat und ich bin dankbar, dass ich hier selbstbestimmt leben kann. Etwas, wonach ich mich immer gesehnt habe. Und ich bin froh, dass es meinen Kindern in diesem Land gut geht und sie die Chance haben, das Leben zu leben, das sie möchten.

Liebe Frau Badavi und liebe Frau Kandt, herzlichen Dank für das Zustandekommen dieses Interviews
und viel Erfolg mit Ihrem mutigen Buch!

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Irina Badavi/Angela Kandt: Wenn der Pfau weint

  1. Ich mag so mutige Geschichten.

  2. Angelika

    Ich kann immer nur ein paar Seiten lesen und frage mich wie eine Frau soviele Demütingen ertragen kann.Alles Gute!

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